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Bryan Gee


...I get bored with music easily. I'm always lookin' for something different, something new, for the next thing, you get me? I'm not into playing these "Back to the Old School" Raves. I'd rather do a "Year 2000" set ...

Alles, was Bryan Gee als DJ ausmacht, bringt dieses Zitat auf den Punkt. Er hat immer ein gutes Jahr Vorsprung, musikalisch wie mental. Sounds, die im Augenblick Wellen schlagen. scheinen ihn nur am Rande zu interessieren. Im Geist ist er längst am eruieren, welche von den Tracks, die er von Krust, von DJ Die, von Roni Size zugespielt bekommen hat, das nächste Jahr bei einem seiner drei Labels V Recordings, Philly Blunt und Chronic einläuten soll.

Daß er selten "Plastik" auflegt, sondern fast ausnahmslos Plates, Musik, die im Schnitt sechs bis zwölf Monate später erscheint, versteht sich von selbst. Für einen DJ ist das eine ziemlich radikale Einstellung. Wenn es sein muß, bringt er es auch fertig radikal am Publikum vorbei zu spielen. Vielleicht hat sich Brockie, Kool FM's DJ, Manager, deswegen für ihn beim letzten Kool Skool Rave auch Swift als Back 2 Back Partner ausgeguckt, der jedes Mal, wenn Bryan die extrem jungen, schwarzen, in Moschino, Dolce & Gabana und Stone Island aufgetakelten Wochenend-Raver zu überfordern im Begriff war, gnadenlos populistisch mit dem "Chopper" Shy FX.Remix (ohnehin der ID Track für alle Versace Sonnenbrillen-Träger!), mit "Six Million Ways", "Angles" oder "Wolf" dazwischenrumpelte, und die Designer Label-Brigade wieder zum auf & abhüpfen zwang.

  Playlist:
01: Chronic 9 - It's Jazzy" (Dubplate)
02: DJ Krust - Vibration (Dubplate)
03: Chronic 10 - Shook (Dubplate)
04: Lemon D - Change Rmx (V.I.P. Mix)
05: Dillinja - Soul Control (Dubplate)
06: Reprezent - Share the Fall (Talkin Loud)
07: DJ Die - Special (Dubplate)
08: Stakka & K.Tee - Orange Sunshine (LS Dub)
09: 2-2 - No Man (Blue Ink Promo)
10: Roni Size - Trust Me (V Dubplate)
Dieselbe Kompromisslosigkeit, die ihm als DJ zu Eigen ist, kennzeichnet auch seine Veröffentlichungspolitik. "Ich bin krankhaft kleinlich mit meiner Musik", sagt er. "Ich mache mir die Entscheidung unendlich schwer, welchen Track ich wo veröffentlichte, wem ich zuerst das DAT zum Cutten überlasse, jedes winzige Detail beschäftigt mich. It's still a love ting to me! Wir (er meint sich und Jumping Jack Frost, seinen Partner) nehmen alles, was mit unserer Musik zu tun hat, sehr. sehr persönlich! Und bei um ist die Qualitätskontrolle schärfer als irgendwo sonst (an dieser Stelle räuspert sich Frost und gibt seinen einzigen Kommentar in zwei Stunden ab: I'm sleppin' in to say YEAH! Das gilt besonders für V. Wir haben V vor Jahren mit der Absicht gegründet, zu beweisen, daß dieses ganze Breakbeat Ding richtige Musik war, Substanz hat, nicht nur für den Augenblick geschaffen war. V, das mußten Tracks sein, die du ewig in deiner DJ Box mitschleppen kannst. Drum'n'Bass mit minimalen Vocals, das würde ich als den V Vibe beschreiben. Aber es ging immer auch um neue Ideen, um etwas Bahnbrechendes, um etwas, was andere noch nicht ausprobiert hatten. Nimm beispielsweise Krust's "Guess", das war ein völlig neuer lick, das hat es vorher so noch nicht gegeben."

Kein Wunder daß Bryan Gee heute bei Vollidioten rot sieht, die meinen, daß Drum'n'Bass eine Art "Weiterentwicklung" von Jungle darstellt. "Da klingelt mich dieser Promoter auf meinem Mobile an", erzählt er einmal gereizt und irritiert, als ich zusammen mit Younghead in seinem Büro sitze. "und schwärmt mir von seinem neu eröffneten Drum'n'Bass Club vor. Als ich ihn frage. wann er mich einlädt dort zu spielen, gibt er verwundert zurück:' Kannst du Drum'n'Bass auflegen, Bryan? Ich dachte du bist Jungle DJ?!?"

Bryan, Süd-Londoner genau wie Frost, ist seit Ewigkeiten DJ. Auf sein Alter angesprochen, lacht er verlegen und murmelt "30" (einigen wir uns darauf, daß er zwei, drei Jahre unterschlagen hat). Aufgewachsen ist er in Gloucester unweit von Bristol. Der fünf Jahre ältere Donovan "Bad Boy" Smith, der bis heute in Gloucester lebt, erinnert sich noch gut daran. wie er die Schule sausen ließ und seinem älteren Bruder zu jedem Reggae Dance nachrannte.

"Reggae Sound Systems, das sind meine Roots", sagt Bryan selbst. "Genau wie Soul und R' n' B. 1980 bin ich nach London gekommen. Bin zu Rare Groove Parties gegangen, zu Soul Sounds. Rap Attack hab' ich verehrt. Mit Pirate Radio fing ich '81 an. Das war bei Quest in Balham. Aus dieser Zeit kenne ich auch Frost. er war bei Passion, einem Sender in Brixton, zu dem ich dann auch stieß. Passion konzentrierte sich hauptsächlich auf Reggae, Soul und HipHop. Ich, Nigel (Frosts richtiger Name) und Pete Stewart waren die einzigen, die Acid spielten. Passion erreichte in erster Linie ein schwarz­es Publikum. Ich glaube, daß wir allein dafür verant­wortlich waren, daß viele Schwarze auf Acid, auf Hardcore, auf House und später auf Jungle einstiegen. Wir erreichten eben den schwarzen Reggae-Markt. Leute, die niemals zu Acid-Parties gegangen wären. Seit dieser Zeit werden Frost und ich auch als Team betrachtet, genau wie Grooverider und Fabio bei Phase 1. Und weil wir ständig im Radio zusammen auflegten, fingen Promoter auch an, uns zusammen zu buchen. Auch im Ausland (Bryan erinnert sich daran, daß er zum ersten Mal in Deutschland spielte. als Snap's "I've Got The Power" die Charts hochschoß). Du hat­test deine Oakenfolds und Ramplings. Das waren die ganz großen Acid DJs damals. Und dann kamen die DJs der nächsten Ära, die Grooveriders, die Frosts, die Frankie Valenrines und Frankie Bones... Wir waren eher Street DJs."

Bryan und Frost sind grundsätzlich die ersten, die von neuen Bristol Beats profitieren. Aber ihre Beziehung zu Krust und Roni Size basiert in viel größerem Maße auf Gegenseitigkeit, als Leute glauben die Bryan Gee nur deswegen als DJ ernst nehmen, weil er "an der Quelle sitzt", wie mir der eine oder andere seiner Neider offen ins Gesicht gesagt hat.
"Unsere besondere Beziehung ist schwer zu erklären", wiegt Bryan ab. "Als sich Krust und Roni mit uns zusammen taten, hatten sie einen Höllenrespekt für uns. Einfach weil sie wussten, daß wir seit Jahren als DJs arbeiteten und sie auf unsere Urteilsfähigkeit vertrauen konn­ten. Es gab damals niemanden in Bristol. der ihre Platten spielte und sie ermutigte. Unser Feedback ist für sie immens wichtig - it really works both ways' Ich glaube nicht, daß die eine Partei ohne die andere ausgekommen wäre."

Wie beide Parteien zueinan­der fanden, ist eine Geschichte. die Bryan wieder & wieder aufwärmt:
"Ich hatte damals einen Job bei Rhythm King und arbeitete für einen Garage Act aus Bristol. Einer von ihnen gab mir ein Tape von Roni Size. Bei Rhythm King interessierte sich niemand dafür und mir waren die Hände gebunden. Das Tape lag bei mir im Office und staubte ein. Als Rhythm King kurz darauf bankrott ging, nahm ich es mit, fuhr nach Bristol. setzte mich mit Krust und Roni zusammen und das war eigentlich schon der Beginn von V. Diese Tracks kamen übrigens nie heraus! Es war Breakbeat, nichts, was ich als radikal anders bezeichnen würde - die Vocals waren entsetzlich hochgepitcht - aber es klang irgendwie frisch und... Anyway, als ich zu meinem ersten Meeting in Bristol einlief, wollten die beiden nichts mehr von diesen Tracks wissen und bombardierten mich mit neuem Material. Ein paar Wochen später hieß es dann wieder: "Vergiß das alles. Wir haben hundertmal bessere Sachen für dich..."
(Roni operiert bis heute nach diesem Muster - das zigfach verschobene Reprezent Album auf Talkin' Loud wird deswegen nicht fertig, weil jedes Mal, wenn sich alles auf ein Release Datum verständigt hat, ein Rückzieher aus Bristol kommt. Roni's Begründung ist immer die gleiche: "Der phantastische Track von gestern Nacht", der unbedingt noch mit aufs Album gequetscht werden muß, wenn er "noch mal kurz überarbeitet wird" - ad infinitum!).
Roni und Krust waren damals wirklich am Verzweifeln. Sie arbeiteten wie besessen, aber sie hatten kein Geld irgendetwas zu veröffentlichen, keine Motivation und niemanden, der an sie glaubte. Krust, was er machte, war entsetzlich dark...Wir befanden uns ja damals auch in der dark era. Reinforced hatte sie mit Rufige Crew und Four Hero eingeläutet und alle anderen sprangen auf den Zug mit auf. Es wurde irgendwie grotesk. Und es war Zeit für einen Wechsel. V war unsere Vorstellung von Veränderung, von neuer Musik. Es ging uns nicht um Geld. Wir verdienten gut & gerne zwei Jahre lang nichts. Überzogene Konten haben wir bis heute."


Wie sich V und Philly Blunt voneinander abgrenzen. bemüht sich Bryan peinlich genau herauszuarbeiten:
"Als Breakbeat mehr & mehr von Ragga infiltriert wurde, mußten wir mit einem neuen Label reagieren! Wir hätten solche Tracks nicht auf V machen können. Philly Blunt starteten wir mit "Burial" von Leviticus. Ein Track voller Samples, aber er war Street und das ist ein Element das wir immer repräsentiert haben. Philly Blunt is a Now Thing! Bestimmt für ein jüngeres Publikum. Heute zählt der HipHop Flava auf der Straße. Philly Blunt ist dafür wie geschaffen.
V ist universeller. dauerhafter, oft langsamer, radikaler... (more original, um Frost einmal beim Wort zu nehmen). So etwas wie "Jazz Note", ein Track, der die ganze Szene dramatisch beeinflusste, konnte einfach nur bei V erscheinen. Trotzdem bilde ich mir einiges auf die Akzeptanz von Philly Blunt ein. Bukem mochte bei­spielsweise Leviticus und Fabio war von "Warning" fasziniert." Eigentlich ist es Quatsch zu behaupten, daß Philly Blunt Tracks schneller altern, werfe ich an die­ser Stelle ein. "Bonanza Kid" verschlief so ziemlich jeder als es erschien. Und heute ist es ein Standard, genau wie "Set Speed“ oder "Dayz".


Bryan denkt einen Augenblick nach, schüttelt seine Dreads und stimmt lächelnd zu. Sein Sorgenkind ist im Moment Chronic, wo Tracks von Dillinja (allerdings eher Tracks a la "Black Marbles", die Dillinja "in drei Stunden heraushustet", wie mir Grooverider mal gesagt hat), von Shy FX, Ray Keith, Krust, Roni und Die erschienen sind. Die Platten sind durchnummeriert und die Identität ihrer Macher bleibt im Dunkeln. Bryan spricht folgerichtig davon, daß er Chronic "mehr Identität" geben muß. Die Qualitätskurve steigt jedenfalls rasant an, wenn Chronic 7, 8 und 9 ein Maßstab sind! Seit er seine Labels zum Laufen gebracht hat. räumt er ein, deutlich mehr DJ-Buchungen zu bekommen als vorher. Buchungen die Frost als Namebrand-DJ nie nötig hatte. Momentan gilt sein einziges Sinnen & Trachten dem Berg von Equipment, den er im Philly Blunt Office geparkt hat.

"Was mich interessiert, ist möglichst schnell in die Lage versetzt zu werden, selbst zu remixen und zu produzieren. Jedesmal wenn Roni hier ist, frage ich ihm Löcher in den Bauch. Oder ich rufe Die an und nerve ihn damit, mir zu erklären, wie er die Bassline von "Play It For Me" programmiert hat."
Egal mit was er sich beschäftigt, Bryan Gee nimmt sich Zeit - quälend viel Zeit. Insofern sind auch seine Zeitansagen mit Vorsicht zu genießen.

Das V Album, some next level shit , wie es Krust genannt hat, auf dem fast jeder Ton neu sein dürfte (d.h. das es sich durch & durch aus neuen Tracks plus einiger V.I.P. Mixe zusammensetzt!), kündigt Bryan mit Entschlossenheit in der Stimme für "diesen Winter" an. Vor zwei Monaten war noch von "diesem Sommer" die Rede.
Beten wir, daß er sein Versprechen hält!

Text: Uli Güldner (Oktober 1996)
Das Interview erschien in Pressure Nr.2 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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