Im Süden Londons, mitten in den Badlands, eine märchenhafte, soziale
Trümmerlandschaft, die von Wandsworth über Clapham bis Brixton reicht,
liegt das Schlupfloch eines ganz gehörigen Anteils an Drum and Bass Künstlern
des Jahres 2000.
In unmittelbarer Nähe zu den Orten an denen Fabio und Grooverider erste musikalische
Gehversuche machten und auch Jumping Jack Frost in den späten Achtzigern
den Kontakt zum Piratensender Passion aufsuchte, sitzt ein Studio und ein Label,
das gerade die nächste Generation an Drum and Bass Guerillas züchtet.
Die Rede ist von Renegade Hardware, dem kaum zweieinhalb Jahre jungen Tochterlabel
der Trouble on Vinyl Musik Gruppe. Weit entfernt von den bizness-affinen Gegenden
im Norden Londons, Camden oder Islington, werden hier in Wandsworth die Truppen
der nächsten Generation ausgebildet.
Nur im Gegensatz zu den Praktiken des Opportunismus und, inzwischen, Mainstream
Konservatismus im Norden, herrscht südlich der River Thames ein gänzlich
anderer Umgang mit der Schlacht um die Anerkennung von Drum and Bass.
Der erste Sampler des Labels, Quantum Mechanics, beweist auch, wie das Renegade
Hardware Selbstbewußtsein aussieht. Ausschließlich mit dem Inventar
des eigenen Künstlergeschwaders - Future Forces Inc., DJ Kane, Genotype und
Absolute Zero - bestückt, äußert sich der einzige explizite Kontakt
zur Drum and Bass Außenwelt durch die Wahl der Remixsöldner, u.a. Dillinja,
Optical und Fierce, Technical Itch, Dom & Roland und John B...
Als ein junger Rob Playford vor Jahren auf seinem frisch entbundenem Label Moving
Shadow erste Drum'n'Bass Baupläne konstruierte, hätte er sich jemals
denken können, daß er mit der Druckwelle, die er mit-ausgelöst
hat, der Jahrtausendwende stolz in die Augen gucken könnte? Hätte sich
dieses Label jemals vorstellen können in Drum'n'Bass Geschichtsbücher,
als essentielle Bestandteil der Evolution einer Szene, eingetragen zu werden?
War es zu irgendeinem Zeitpunkt klar, daß nach sechs Jahren das Moving Shadow
Rezept immer noch die Kante der Klinge modernster Musik surfen würde? Als 1991 Rob Playford und sein engerer Moving Shadow Produzentenkern von Sean
O'Keeffe (alias Deep Blue) und Simon Colebrooke (zusammen mit Sean alias 2 Bad
Mice und Kaotic Kemistry) die ersten SHADOW Releases mit ihren ordentlichen Hüllen
und Cover-Designs in einen Markt voll von gesichtslosen White-Labels platschten,
hätten sie nie denken können, daß es vier bis fünf Jahre
dauern müßte, bis ihre Musik die Anerkennung genießen würde,
die sie verdient hat. Trotz ihrer anfänglich naiven Motivation,wie Simon Colebrooke erklärt,
"Tracks machen zu wollen zu denen man raven konnte,"
verkörperten diese Platten, sowie das gesamte Moving Shadow Konzept, dennoch
ein Streben nach Professionalität, die bis zu dem Zeitpunkt keinsegleichen
gefunden hatte. Mit den Mitteln der Majorfirmen - einprägsames Logo, professionelles
Cover Design - sollte Moving Shadow das ins Verruf geratene Genre, damals noch
‘Ardcore genannt, seinen Stolz wiedergeben. Vorwerfen kann man deshalb Simon Colebrooke nichts, heute A&R Direktor
bei Moving Shadow, wenn er, mit einer Spur positiver Selbstgefälligkeit,
zu dem Erreichen dieses Ziels behauptet, "daß
diejenigen, die Drum'n'Bass früher als Abschaum der Musikindustrie abgelehnt
haben, heutzutage nicht genug davon bekommen. Jetzt hat z.B. Nike einen Drum'n'Bass Soundtrack in ihrer neuesten Werbung.
Damals (1991 bis 1994) wollte keiner von Drum'n'Bass wissen, geschwiege denn im
Radio spielen. Es wurde die Sampler-Musik des Jahrzehnts genannt, ohne Kreativität.
Was wir uns damals als Ziel gesetzt haben, war die Anerkennung der Mainstream
Industrie zu gewinnen. In den letzten zwei Jahren ist in der Hinsicht am meisten
passiert. Viel von dem Erfolg kann Goldie zugeschrieben werden."
Ein großer Teil dieses Erfolgs muß demnach auch Rob Playford zugeschrieben
werden. Inzwischen ist es nämlich kein Geheimnis mehr, daß Goldie ohne
seinen Ingenieur, Playford, die Hälfte seiner Träume niemals in Sound
hätte umsetzen können. Das muß jedoch nicht als einseitiger Prozeß
verstanden werden. Zwar wird Goldie mit seiner nächsten LP, die wieder die
verdeckte Unterschrift Playfords trägt, seinen Status als Oberhaupt bestätigen,
was aber Playford, der ohnehin schon den Business versteht, von seiner Arbeit
mit dem Metalheadz Kapitän mitkriegt, wird ihm genauso gut zu Nutze kommen. In Goldie hat der Moving Shadow Boss nämlich den direkten Kanal zur Mainstream
Industrie gefunden. Keineswegs durch den Deal mit Goldie, und folglich ffrr, in
seiner Tätigkeit als Leiter eines Independent Labels beeinträchtigt,
erhält Playford wertvolle Informationen zu dem Stand der Dinge in der Major
Infrastruktur. Informationen, die ihn weiterhin zum Erfolg seines Labels, und
dessen Unabhängigkeit, verhelfen. "Rob ist sowohl ein guter Produzent, als auch
scharfsinniger Geschäftsmann. Sein Deal mit Goldie ist einerseits gut, weil
es in keinster Weise seine Rechte einengt. Andererseits sitzt Rob direkt am Puls
und weiß ganz genau, was bei den Majors los ist. Komischerweise halten sie
sich von uns auch entfernt."
Das Interesse hat Moving Shadow auch gar nicht nötig. Inzwischen ist Moving
Shadow in der gesamten Szene zu einer Institution geworden. DJs, Künstler,
Plattenläden, Raver, Plattenkäufer wissen alle den enormen Beitrag und
den Kredo dieses kleinen Labels, das vor einem Jahr seine Büros von der verschlafenen
Region Hertfordshire direkt ins Herz Londons, nach Soho, umsiedelte, zu schätzen.
Nach wie vor ist Moving Shadow eine Firma, die sich nach den Wünschen
der Künstler richtet und nicht die Künstler in ihrem Freiraum zu beeinflussen
versucht. Denn eines der wichtigsten Lehren, die dieses Label während seiner
Entwicklungsphase machen konnte, war die Anwendung des im Rave oft ziterten Maxims
"Go with the Flow!". Selber ein Produzent betont Simon Colebrooke auch vehement seine Abneigung
gegenüber dem Anti-Ethos der Hit-Factories: "Im
Gegensatz zu den meisten anderen üben wir keine Mega-Kontrolle auf das aus,
was unsere Künstler machen wollen. Zur Zeit sind viele Gerüchte im Umlauf, daß manche Drum'n'Bass
Produzenten inzwischen von ihren Plattenfirmen gesagt bekommen, was für Musik
sie zu produzieren haben, z.B. Vocal Tracks für die Charts. Meiner Meinung
nach sind viel zu viele Leute in Major Deals verwickelt: ich mache mir Sorgen.
Man wird auch sehen, daß in den nächsten Monaten einige Leute Probleme
bekommen werden. Deswegen überrascht mich der Virgin Deal mit Photek. Daß
sie die Eier hätten so etwas zu veröffentlichen, hätte ich nie
gedacht."
"Wir haben auch kein Problem damit, wenn unsere Künstler von den Majors
aufgeschnappt werden. Aquasky wurden jetzt gerade von Polygram gesignt. Wir waren
da als Aquasky aufgetaucht sind und wir haben ihnen diese extra Stufe gegeben.
Die Majors signen aber Leute nur weil es modisch ist. Als Drum'n'Bass groß wurde, fielen sie übereinander her, nur um
jeden unter Vertrag zu nehmen, den sie finden konnten. Wenn unsere Künstler
von Majors unter Vertrag genommen werden, dann kann ich ihnen nur gratulieren
und Erfolg wünschen. Die sind aber auch jederzeit bei uns wieder willkommen.
Aber was die Unabhängigkeit betrifft, wird Moving Shadow so lange es
geht auch ohne die Majors auskommen. Viele Leute glauben gar nicht, daß
Moving Shadow ein Independent ist, weil es uns schon so lange gibt. Wir überleben
halt dadurch, daß wir eben genau das machen, was wir machen. Es ist auch
eigenartig, diese Arbeit als Business zu bezeichnen weil es immer noch wie ein
Hobby ist. Es ist ein Job, den wir alle geniessen. Es hängt auch mit unserer
Einstellung zusammen, unseren Künstlern den Spaß an der Sache nicht
zu nehmen."
Auf den normalen Plastikmusikmarkt angewendet, erscheint so eine Haltung den Berufsökonomen,
die weitgehend das Personal der Major-Betriebe ausmachen, zu unkalkulierbar. Aber
in Zeiten in denen auf Underground Appeal besonders Acht genommen wird und jede
Entwicklung neue Möglichkeiten bietet, fügt sich Moving Shadow hervorragend
in dieses Chaos ein. Inzwischen muß die Firma nicht mehr überleben, sondern kann davon
leben und sich immer noch leisten, ihr Vertrauen in neues Talent zu setzen. Die
Investition in dem Nachwuchs ist ihr Schlüssel zur Szene und gleichzeitig
Garant ihrer Authentizität. Bekam man den Eindruck, daß Moving Shadow
zu einem Fließband für Bukemesque Produktionen mutiert sei, so wiederlegen
die letzten fünfzehn Veröffentlichungen dieses Vorurteil komplett. Checkt man insgesamt die Evolution von Drum'n'Bass aus, wird einem ins Auge
fallen, daß zu jedem Schlüsselmoment unter den entsprechend richtungsweisenden
Platten einige die SHADOW Einprägung tragen. Kaotic Kemistry's schizophrene Deklaration der Rave New World (mit dem unterschwellig-geflüsterten
"XTC"-Refrain), Hyper-On-Experience's dämonischer Aufruf zum Eintauchen
in die Dark-Side Unterwelt mit der Parole "Fuckin' Voodoo Magic", Omni
Trio's "Renegade Snares", die den Advent LTJ Bukems feierten, oder die
Bassline Salven, die Rob Playford's Dead Dred Single "Dred Bass" losließen,
sind nur ein paar, wenige Beispiele der Plates, die den Kurs neu bestimmen sollten,
die aber nicht von dem Kurs bestimmt wurden. Alles Schallplatten, die nicht zum Erfolg vorprogrammiert waren, sondern einfach
den Zeitgeist der Stunde auf den Breakbeat brachten. In ihrer Gesamtheit stellen
die inzwischen über ein hundert Releases des Moving Shadow Back Catalogue
die Fülle der Variationsmöglichkeiten dieser Musik dar, die sich Moving
Shadow verpflichtet hat auszukundschaften:
"Bei Moving Shadow wollen wir unbedingt eine breite
Selektion führen. Wir wehren uns auch dagegen, wenn uns nachgesagt wird,
nur der mellow Variante zu folgen. Wir wollen auch experimentieren. Wir nehmen
Sachen nicht deswegen an, weil wir denken, daß sie in sechs Monaten en vogue
sein werden: Dom & Roland haben wir an Bord geholt, weil er einfach wahnsinnig
starke Stücke hat. Dasselbe gilt für Technical Itch. Klar, wenn wir mitbekommen, daß
sich die Szene in eine andere Richtung bewegt und uns spricht jemand an, der in
diese Änderungen gut reinpassen würde, ist er jederzeit willkommen ein
paar EPs zu produzieren. Danach können wir weitersehen. Wir bemühen
uns, so viele Styles wie möglich zu präsentieren."
Auch wenn der neue Moving Shadow Sampler, Storm from the East II, dennoch auf
einer sanfte Brise in Richtung Good Looking weht, fällt trotzdem auf, daß
ein Großteil des Moving Shadow Künstlerpools trotzdem noch fähig
ist, frische Ansätze überzeugend zu verarbeiten. Am anderen Pol, hingegen, werden die bevorstehenden Releases von Dom &
Optical, "Quadrant 6.6" sowie von Ed Rush und Dom & Roland, alias
Neo-Tech, vor lauter Modifikationen am Schema sogar den Metalheadz Wappen zum
Schmunzeln bringen. Auch wenn nichts geplant erscheinen mag, muß doch Simon Colebrooke
in seiner Kompetenz als A&R Mann (Verantwortlicher für neue Acts) an
dieser Stelle kapitulieren. Denn in sechs Jahren lernt man einiges, muß
man einiges lernen, um weitere sechs Jahre ins Auge zu fassen. Also, wo liegt
das "Moving Shadow World Domination" Geheimrezept? Hat Euch Goldie die
Zutaten verraten? Wie werdet Ihr die nächsten sechs Jahre vorangehen?
"Rob und Ich nennen das 'The Formula'. Es passiert,
wenn die Musik stagniert. Irgendjemand veröffentlicht eine bestimmte Art
von Track, merkt, daß er damit Erfolg hat und plant die nächsten zehn
Tracks in genau demselben Stil, nach derselben 'Formula'. An dieser Stelle stagniert
die Musik. Aber es geht weiter. Frost sagt dazu 'The Circle' (engl. übersetzt.:
Kreis). Jetzt sind wir wieder bei der härteren, düsteren Schiene, die wir
vor drei Jahren schon hatten. Aber aufgrund der Fortschritte in der Technologie
klingt es heutzutage ganz anders. Wahrscheinlich wird dieser Sound bis zum Ende
des Jahres ausgefädelt sein, um irgendwann wieder aufzutauchen. Manche Styles
sind etwas eingeschlafen oder sind ziemlich fad geworden aber jeder ist irgendwann
dran. Früher sagte man uns, wie seien das Top-Label. Wir sind nie ein Top-Label.
Manchmal laufen bei uns die Sachen gut, dann sind wiederum andere Labels wie Suburban
Base, Reinforced, Formation, usw. an der Reihe. Genauso wie die Musik!"
Und so sehr wie die Musik kultiviert wurde, so sehr wie sich Moving Shadow in
das Inventar eines jeden streetwise DJ-Koffers eingefädelt hat, so sehr wie
Moving Shadow CDs auf allen trendbewußten Couchtischen der jungen Bourgoisie
Englands zu finden ist, so sehr darf man daran glauben, daß der Sturm aus
dem Osten weitere sechs Jahre rauschen wird.
Bericht und Interview von Oli Koehler
URL dieses Dokuments:
http://www.future-music.net/stage/features/movingshadow/