URL: http://www.future-music.net/stage/features/into-the-jungle/ Zurück zur normalen Ansicht

Into the jungle...


Diesmal ist es der wirkliche Hype.
Was sich in England zur Zeit mit Jungle abspielt, ist schon ziemlich wild.

Jeder will es wissen, jeder will immer gewußt haben, was abgeht, jeder will der King sein, und alle sagen, sie hätten ja schon immer prophezeit, daß es so kommen werde.

Nach und nach steigen Jungle-Hits in die Charts, geistern als böse Crackdealergeschichten durch die Tagespresse und erobern sich lange zurückge-haltene Artikel in jeder der größeren Musik- und Lifestyle-magazine. Jungle ist der Sound dieses Jahres. Da sind sie sich von Smash Hits (die englische Bravo) über Melody Maker, von ID bis Face und selbst Jazz-Magazine, Reggea-Magazine und sogar Hardrock-Heftchen einig.

Wie das alles so plötzlich zustande kam, ist sehr fragwürdg. Entwicklungen in der Musik sind doch eigentlich gar nicht so plötzlich. Vielleicht ist es nur der nach und nach gepushte Erfolg von General Levy, mit dessen "Incredible" es zuerst gar nicht so aussah, als würde es in die Top 10 gehen. Vielleicht ist es auch nur die Frustration einer gesamten Generation von Ravern (ob Ragga, House, Techno, Hip-Hop oder was auch immer, Engländer benutzen den Begriff nicht so musikspeziefisch) und Hardcore-Ravern (Breakbeatkids).

Die hatten vielleicht langsam die Nase voll davon, auf Musik abzufahren, die entweder älter ist als ihre Mutter (HipHop, Raggea) oder spezifisch weiß (Techno, House). Oder sie waren sauer, jahrelang nur als die dummen Kids von nebenan zu gelten. Denn Hard-core im Gegensatz zu Techno heißt in England auch immer, daß es nicht ganz so arty ist und schon mal gar nicht collegecompatibel. Immer wieder wurden Breakbeats, und das nicht nur in Deutschland, wo man ja mittlerweile den "Rappelbeat" (alleine schon das Wort) wieder ganz Klasse findet, sondern auch in England als zu einfach, einfach dumm oder eben billig abgetan.

Obwohl nun die Musik speziell in London sehr präsent ist, haben sich sämtliche Journalisten-ohren beim geringsten Anklang eines Breakbeats sofort verschlossen. Mittlerweile allerdings sind vielleicht viele peinlich berührt, wenn man sie heutzutage noch einmal auf ihre Äußerungen anspricht. Sie reden sich ein, es hätte plötzliche Veränderung gegeben. War aber nicht so.

Was neu sein soll, sind halt vor allen Dingen die Raggavocals, die jetzt - nicht zuletzt wegen des Hypes - immer öfter kommen. Auch die Beats sollen anders sein, das ganze im allgemeinen mehr Feeling und Musi-kalität besitzen und das am liebsten seit gestern. Tatsache ist allerdings, daß Raggasamples so alt sind wie Breakbeats überhaupt und extra dazu getoastete Samples auch nicht unbedingt so neu. Die Beats sind bei den Raggajungletracks dann auch noch oft schlechter als bei der State Of The Art Hardcoreplat-ten.

Die Musikalität, die jazzigen Einflüsse, die gesamte Komple-xität sind eben seit Jahren gewachsen und mit jeder neuen wichtigen Platte immer ein Stückchen weiter vorgedrungen. So wie das bei Techno im allgemeinen auch sein sollte. Nur daß die englische Szene eben viel näher beieinander lebt und Einflüsse viel direkter sind. Neue Breakbeat-Loops werden sehr schnell von anderen übernommen. Neue Tricks im Drum-arrangement oder in den Sounds werden sofort die Woche danach, wenn das erste Dub- plate einmal in irgendeinem Club gespielt wird, wieder be-reichert.
Man könnte bestenfalls sagen, daß die gesamte Szene eher wie ein Nachrichtennetz ist, in der die übermittelten Informationen der jeweilige Stand von Hardcore ist. Anders als bei uns, wo jeder nahezu die gleichen Platten spielen könnte, weil fast alle DJ`s ihre Platten hauptsächlich aus dem Platten-laden beziehen, machen in London speziell Unmengen exclusiver Mixe später nie ver-öffentlichter Stücke und Eigen-produktionen auf Dubplates, die Runde und halten die gesamte Szene schon Wochen im voraus über Partys und Radio in Span-nung.Wenn die Platte schließlich herauskommt, kennt sie schon jeder.

Was jetzt allerdings passiert, ist ein Überwandern der Ragga- und der Hiphopszene. Das geschieht nicht nur in England, wenn es auch dort klar die größte Orginalität besitzt. In Deutschland ist ähnliches festzustellen. Downbeat, ein Dub-reggealabel, hat gerade ihre erste Junglecompilation veröffentlicht. Auch in Amerika gibt es sowas: Armand van Helden steht auf Jungle und macht Junglemixe. Und was zum Beispiel Englands größtem Junglevertrieb Jetstar nie mit seinen eigenen Raggacompi- lations gelungen ist, war mit Jungle-Hits ein Kinderspiel:

Top Ten. Die Raggaszene funktioniert in London eigentlich ganz ähnlich wie die Hardcore-szene. Man treibt sich auf der gleichen Straße rum, man findet die gleiche Pirate/Prerelease/ Dubplate-Struktur, auch wenn sich die MC's Deejays nennen und die DJ's Selector. Kurz, man war immer schon sehr nah aneinander, wurde immer und immer wieder gesamplet oder beerbt. Es dürfte niemanden wirklich geärgert haben, wenn auch tatsächlich dadurch die musikalischen Gesichtspunkte etwas verschoben wurden, daß plötzlich alle mitmischen wollen.

Eigentlich ist es ja nur der erste Schritt, wenn Deejays (Ragga) plötzlich ihre Samples nicht mehr so einfach zirkulieren lassen wollen, sondern direkt in die Produktion einsteigen und ihre Tracks entweder Remixen lassen oder gleich mitproduzieren. Was nämlich tatsächlich viel wichtiger wird als das Ragga-sample (sei es nun live oder doch gesampled), ist, wenn Toaster wie UK Apache und Gunshot tatsächlich anfangen, über ihr wirkliches Leben zu singen, von Dingen zu reden, die ihnen tagtäglich passieren, die sie wirklich nerven, und nicht nur versuchen, den letzten Dancehallhype aus Jamaika zu kopieren oder durch irgendwelche unsäglichen Gimmicks wie Schluckauf auffallen zu müssen.

Dann nämlich bekommt der momentane Hype um Jungle eine ganz andere Dimension, weil sich plötzlich Leute nicht nur über den Sound angezogen fühlen, sondern auch über die Worte, denn vielen bietet nur Klang immer noch zuwenig Identifi-kationsmöglichkeit. Und nebenbei bemerkt: Der Hype um Jungl läßt ja gerne unter den Tisch fallen, daß in den Clubs und den Plattenläden immer noch der Beat mehr zählt als alles und man gut und gerne das ganze, ob nun mit oder ohne Raggavocal, immer noch Drum & Bass nennen könnte.

Nichts destotrotz machen selbst Leute wie Goldie, einer der Gottväter dessen, was man gerne Intelligent- oder Ambient-Hard-core nennt, und der ja auf Rein-forced seit Jahren immer weiter in Richtung Zukunft bohrt und mit "Terminator" und "Angel" zumindest zwei sehr offensichtlich richtungsweisende generationsbestimmende Trax veröffentlicht hat, nicht nur sein eigenes Label, Metalheads, sondern auch noch eine mit 80.000 £ Vorschuß gut bezahlte LP auf einem Major und die neuesten Cutty Ranks Remixe.

Es wird wahrscheinlich sehr spannend werden in den nächsten Monaten zu beobachten, wer was mit wem macht und warum. Eins scheint jedoch sicher: Wenn selbst Leute wie Shy FX, der erst drei Platten auf dem nicht unrichtig so heißenden Sound Of The Underground- Label veröffentlicht hat, einen Majorvertrag zurückweist, der mindestens 100.000 £ wert war, dann wird es wohl kaum so wie beim letztenmal vor zwei Jahren kommen, als uns Prodigy beschert wurde. Einen so derben geistigen und materiellen Ausverkauf an die Industrie wird es hier wohl nicht mehr geben.

Sicher wird General Levy in einem Jahr genauso bekannt sein wie sagen wir mal Prodigy. Aber ich glaube kaum, daß ihn irgendeine Szene jemals wieder supporten wird, nachdem er jetzt schon zweimal wegen obskurer selbstverliebter Äußerungen verprügelt worden ist. Was noch weniger wahrscheinlich wird, ist, daß einen auf Partys Raver nerven, die nichts kennen außer dem großen Star auf MTV oder seine Nach-ahmer und den Rest einfach nicht mehr begreifen. Jungle ist ruffer als Happy-Hardcore, da sollte man aufpassen.

Shy FX ist sauer. Irgendwer in der zur Zeit etwas durch den kommerziellen Erfolg der Jungleszene gespannten Atmosphäre hat was falsches gesagt. Shy FX ist der Spaß ein bißchen verdorben worden, den zweiten Jungletrack in den Charts zu landen. Er heißt nicht nur Shy, sondern ist auch noch relativ scheu und Dinge wie Gier nach Ruhm oder Anerken-nung sind ihm irgendwie verhaßt, zumindest jedoch sehr unangenehm.

Seine Produktionen mit Gunshot und UK Apache gehören zu den wenigen Jungletracks, die konkret Stellung beziehen zu dem Leben in London, zu seiner Gene-ration, und nicht versuchen, Raggaelemente einfach nur dem Sound aufzustülpen, der grade ruled. Wie allen hängt ihm General Levy zum Hals raus, aber er möchte es nicht sagen. Worte, vor allen Dingen starke Worte, scheinem ihm etwas unangebracht, um die Szene zusammenzuhalten. Er ist in dieser Hinsicht ein typischer Musiker.
Er zieht sich lieber zurück und entwickelt seinen von Potential Bad Boy sehr beeinfluß-ten Sound weiter in tiefere Regio-nen. Der Remix von Gangster, den er uns vorspielt, ist extrem moody und psychodelisch geworden und entfernt sich immer weiter von dem straighteren Approach seiner ersten Platten. Das ist die Zukunft. Während des gesamten Interviews muß er ständig kichern, weil ihm der ganze Rummel, der grade um ihn gemacht wird, einfach auch ein bißchen peinlich ist.

Das Feature erschien im November 1994 im Frontpage Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Thanks to Jürgen Laarmann!

URL dieses Dokuments:
   http://www.future-music.net/stage/features/into-the-jungle/


© 1995-2017 Future & www.future-music.net