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Kabuki




Streng gesehen, hat man von Kabuki aka Jan Hennig drei Jahre nichts gehört. Der Artist-Name Kabuki gehört aber im deutschen, wie internationalen Drum'n'Bass Geschehen, so fest zum Kanon wie Reclamheftchen zum Deutschunterricht. Jetzt endlich untermauert das längst geplante Release seines "Warrior Soul"-Albums für Bryan Gees mächtiges Label "Liquid V" den Ruf Kabukis als ausgeruhten Top-Produzenten, der mit seiner ganz eigenen "Krieger"-Vision im Game bleibt...


Es muss Frühling 2008 gewesen sein, als mir Kabuki bei einem unserer viel zu seltenen Treffen den Raw Cut seines "Warriors Soul" Longplayers in die Hand drückte. Zu selten, da der studierte (Jazz)-Musiker zu den inspirierten Sound-Junkies gehört, mit denen es sich immer lohnt ein Gespräch zu führen. Stets kehren wir beide mit einem Bündel an neuen Anregungen zurück, die es nachzuhören gilt. Quellangaben zum Vorab des "Warriors Soul" Albums waren Fehlanzeige. Bis auf den Albumtitel zierte den Silberling keine weitere Info. Die CD reiste seit zwei Jahren nahezu incognito, mit dem längsten Dubplate-Delay das ich bisher erlebt habe, in meinem Case mit. "Warrior Soul" war ursprünglich für das Label "Combination Records" geplant, auf dem das hoch gelobte Seba-Album veröffentlicht wurde. Nach dem Aus des Vinyl-Vertriebs "Neuton" lag "Combination" brach.

Seit 2006 produziert Kabuki aber auch für Bryan Gees Label "Liquid V" und nach dem "Combination Records" leider vor dem Release von "Warrior Soul" geschlossen wurde, war es klar das Bryan die erste Option auf das Album haben würde. "Das das Album jetzt auf V veröffentlich wird macht mich natürlich stolz, da es eines der Labels ist, dass mich seit dem Start meiner Laufbahn nachhaltig beeinflusst hat." Philosophiert man mit Kabuki über Musik, findet man viele nachhaltige Einflüsse. Wie er gerne betont, hört er zuhause "fast nur Musik, die an die 40 Jahre alt ist": Jazz, Reggae, Soul, Afro. Der Geist der sie umweht, beflügelt auf eigene Weise: "Es ist ein Fakt, dass man damals als Musiker entschlossener sein musste, und das Resultat spricht dann auch meistens für sich." DnB-Resultate lieferte Kabuki via der Heimat Frankfurt/Hanau spätestens seit 1996 mit großem Erfolg. Das Label "Precision" zählte Jahre zu den deutschen Aushängeschildern, die dazu passende Crew um Kabuki war Host der "Fuel"-Reihe im legendären Offenbacher Robert Johnson Klub. Seine Makai-Posse stand 1998 der "No U Turn"-Blase um Nico, Trace und Ed Rush so nah, dass sie als erste auf einem heiligen UK-Label großes Gehör fanden. Letztlich war es Kabuki aber zu eng in der Style-Kiste: "Ich finde es interessant zu sehen, dass jede Strömung im DnB sich meistens als quasi eigenständige Musikrichtungen versteht, und oftmals keine der Splitter-Szenen voneinander Notiz nimmt. Meiner Meinung nach konnte man erkennen, dass mit jeder neuen Subszene die sich nur für sich interessier, auch der Schwung für DnB im Allgemeinen nachließ."

Seine Brötchen verdient der fließend japanisch sprechende, spirituell veranlagte Musiker und Martial Arts-Anhänger, als "Music Consultant" für Nintendo. Drum and Bass Musik kann er selber als Klassiker behandeln, wie Reclam die Neuauflagen von Goethe bis Hesse: "Ich habe festgestellt, dass die Dinge die für mich an Musik essentiell sind, nicht die gleiche Relevanz für die aktuelle DnB Generation haben. Wenn meine Musik weniger Leute erreicht, dann nehme ich das gerne in Kauf. Das ist auch eine Referenz an den Titel, denn die meisten Kriegerkasten sehen es als ehrenvoll an wenn man in Würde scheitert." Scheitern? Dazu ist das von vielen Fans lang ersehnte Album viel zu gut und vielfältig. Ob Klub, Sofakante oder Auto, das Album lockt mit einem geschlossenen Soundbild und spannenden Kollaborationen. Kabukis gute Freundin Jenna G ist mit an Bord, dazu zwei Legenden aus dem Reggae und Rap Bereich. Kabuki ist stolz auf die Zusammenarbeit: "Alle Gäste auf diesem Album waren Wunschkandidaten, es war unterschiedlich schwer die Wünsche umzusetzen. Paul St. Hilaire (aka Tikiman) habe ich auf dem Open Source Festival kennen gelernt, und in den darauf folgenden Monaten bei meinen Shows im Watergate in Berlin wieder getroffen. Einmal habe ich ihn dann gefragt ob er nicht Lust hätte auf einen DnB Tune zu singen, und ihm eine CD mit einigen Beats dagelassen. Einer davon hat ihm so gut gefallen, dass er mich direkt am nächsten Tag auf dem Handy angerufen hat, um den Hook über das Telefon vorzusingen - so ist "Generation X" entstanden. JeruThe Damaja hingegen hat während meiner Hip-Hop Sozialisierung einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Auch wenn ich es anfangs für unrealistisch hielt ihn für mein Album zu gewinnen, so hat am Ende einfach die Hartnäckigkeit gesiegt.

Eines Tages klingelte tatsächlich mein Telefon: ‚Yo it's Jeru, let's get this thing done.' Die Session war entspannt, und vielleicht ist das der Grund warum er so relaxt klingt. Er ist ohne Zettel oder Stift in die Kabine gegangen, und alles was man hört ist der First Take." Die fertige Arbeit der Vocalists versprüht Consciousness und Lebensfreude und garniert die cool rollenden Sound zwischen deep, funky-liquid und eckigeren, dunklen Beats und Breaks, so wie es die Freunde von Kabuki lieben: "Auch wenn ich versucht habe ein paar typische V Sounds in meinem Repertoire einzubauen, so ist die Evolution des Albums schon dafür verantwortlich, dass es ein recht breites Spektrum abdeckt. Mein Ziel war es neben Tunes für den Dancefloor auch experimentelle und nicht so vordergründige Stücke darauf unterzubringen."

So gelingt Kabuki ein Album, dass auch von nicht DnB Fans am Stück angehört werden kann. Für die 12"-Auskopplungen gibt es zusätzliche Remixe: Der Mann der Stunde Serum veredelt "Just Hold On", der Deephouse-Experte Marcus Worgull remixt einen weiteren Track und Eveson lässt die Massive bei seinem remake bei 140bpm steppen. Die Non DnB-Remakes werden bereits von Künstlern wie Radioslave begeistert gefeiert. Vielleicht kommt Kabuki so einem Teil seiner Warrior-Vision näher. Der Wille ist da, nur muss er heute eben nicht mehr jedes Milligramm Kraft in das Thema investieren. Ein guter Krieger teilt sich seine Kräfte gut ein. So übersteht die Seele alles. "Der Titel "Warrior Soul" stand früh fest, und hat mir in seiner Zweideutigkeit gut gefallen. Zum einen ist da der Verweis auf "Soul Music", die mich in all ihren Facetten mein ganzes Leben lang begleitet hat. Auf der anderen Seite geht es aber auch um die Geisteshaltung, nie einfach aufzugeben, wenn man an etwas glaubt!"


Text: Frank Eckert
Der Text erschien im Headliner [1] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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