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Back 2 Live! - Part 2: History


„What we gonna do right here is go back, way back into time“. London -
wir schreiben das Jahr 1993, Fabio und LTJ Bukem veranstalten zusammen Speed und zemetieren damit die Trennung von Drum & Bass und Jungle.
Die Metalheadz Sunday Sessions erblicken im „Bluenote“, einem ehemaligen Jazzclub im Eastend das Licht der Welt. Dubplates sind wirklich noch Platten aus Acetat und Drum and Bass ist längst noch nicht das internationale Phänomen, das wir heute kennen. Im Handgepäck eingeweihter Musiker und DJs gelangen Mixes von Fabio, Grooverider & Co unter anderem nach New York City und nach Nußloch.


The „God-Given tape“

Ein solches Tape landet schließlich bei dem New Yorker Drummer und Produzent Marque Gilmore (MG) aka The Inna-Most. Das nächste halbe Jahr spielt er zu diesem „God-Given tape (Amen rinse-outs through-&-through!)“. Dann reist er nach London und er erlebt seinen ersten richtigen Jungle Rave. O-Ton: „…got my mind completely blown away! 5000 young ravers of all colours and nationalities dancing to a bloody programmed drum solo! This was not possible in New York or anywhere in the US at the time.”

Es folgen diverse Meilen- und Stolpersteine. Als er Ray Keith erzählt: „Ich spiele Live Jungle“ lautet dessen Antwort: „No such thing mate, but I’d like to hear it.“ Bei Speed fällt die Reaktion ähnlich aus, schließlich darf er sein Schlagzeug mitbringen und spielt das Warm Up Set mit Kemistry (RIP). Er pendelt zwischen London und New York, wo er 1994 mit seinem Freund E.G. „Mac“ MacNamara die erste richtige Jungle Party in America veranstaltet.

Dieser startet kurz darauf Konkrete Jungle, mittlerweile die bekannteste D&B-Veranstaltungsreihe in den USA, wo Gilmore regelmäßig mit seiner Band Drum-FM spielt.
So schafft es The Inna- Most mit seinem Live-Party-Konzept in New York, und zwei Jahre später auch in Paris, Drum & Bass einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Dann kommt Cleveland Watkiss nach NYC und und hört in der 205 Bar, wie Marque live zur einzigen Jungleplatte des DJs spielt. Er traut seinen Ohren nicht und sagt zu Marque: „Du kommst nach London, und ich kaufe dir das verdammte Ticket!“

Dort spielt Marque regelmäßig mit Künstlern des aufkommenden Nu Asian Underground, vor allem State Of Bengal und Talvin Singh. Bei der allerersten Anokha- Party im Rocket, spielt er seinen zweiten Breakbeat- Gig in London – nur Drums und elektronische Tablas, komplett improvisiert.
Aus dieser Szene kommen in London die wichtigsten Impulse für Live Breakbeats.

So hilft Sam „State Of Bengal“ seinem jüngeren Bruder MC Deedal bei der Gründung der Band Asian Dub Foundation, die wenig später mit „Culture Move“ (feat. MC Navigator) einen internationalen Hit landen. State of Bengal engagiert Gilmore schließlich als Schlagzeuger für seine Band und sie touren gemeinsam um die Welt. Marque spielt im Sommer 95 mit seiner Band Drum- FM bei der SNC-Jahresveranstaltung The Shapes Of Things To Come in London. “This was the first real D&B gig in London and it sent a little buzz through the scene“.


Pioniersarbeit aus Nußloch

Auch in der deutschen Szene brummt es zu dieser Zeit gewaltig. Die wichtigste Formation für den deutschen D&B ist die Bassline Generation. Die vier Brüder aus dem badischen Nußloch (südlich von Heidelberg) leisten sowohl live als auch im Studio Pioniersarbeit. Ihre Produktionen schaffen es regelmäßig über den Kanal, und ihr Funky Drummer Alex ist einer der ersten deutschen Schlagzeuger, der Breakbeats und Jungle live umsetzt. Die Berliner Elektronauten haben sich im Berliner Untergrund bereits einen Namen für ihre schrägen und vielfältigen Adaptionen elektronischer Tanzmusik gemacht. Ihnen werden von der Zitty „Genialität und motorische Höchstleistung“ bescheinigt, mit der sie ihren vorproduzierten Backingtracks auf der Bühne zuleibe rücken.

Musikalisch eines der interessantesten Projekte ist Analog Freedom. Die fünf Musiker improvisieren ihre Sets meist komplett auf zwei Schlagzeugen, zwei Keyboards und einer Geige. Gründer und Initiator DJ Phantom 309, der anfangs noch während der Sets auflegt, zieht schon bald nur noch die Fäden im Hintergrund und überlässt die Bühne den Musikern. Die sind zwar nicht so präzise wie die Beats auf den Platten, dafür klingen sie weniger steril und schaffen somit eine Brücke zwischen Mensch und Maschine. Außerdem wird ihnen von der Presse die sexy Bühnenpräsenz bescheinigt, „an der über Plattenkisten gebeugte DJs [angeblich] meist scheitern“. Andererseits, wie viele Musiker können es mit dem Sexappeal von DJ Marky aufnehmen?


„Verbotene Beats“ und mehr Pioniere

In New York City beginnt unterdessen ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Live D&B. Der Schweizer Schlagzeuger Jojo Mayer revolutioniert mit seinem Reverse Engeneering Konzept (siehe Artikel „Back 2 Live! - Part 1: Various Bands") das Schlagzeugspiel und Live D&B gleichermaßen. Jojo Mayer sagt über seine ersten Kontakte mit den gebrochenen Beats: „D'n'B ist mir Anfang der 90'er sofort ins Ohr gefallen, die Beats haben mich sofort angesprochen. Als ich dann in Bristol das erste Mal einen D&B Rave erlebte, wars um mich geschehen.“ Eine wichtige Etappe ist eine Produktion mit der Band Pop Low Resolution aus der Schweiz, für die er 1996 Schlagzeugspuren einspielt, die sich am Trip Hop und Jungle/D&B Sound aus England orientieren. Produziert wird die Platte von Jojos späterem Weggefährten, dem ebenfalls in New York ansässigen Schweizer Produzenten Roli Mosimann.
Mit ihm gründet er das Live Jungle Projekt Nerve.

Im Herbst des gleichen Jahres feiern Projekt 23 (Cleveland Watkiss, Marque Gilmore und Drum-FM DJ LeRouge) bei Anokha den Release ihres ersten Albums „23“. Die Asian Underground Party findet mittlerweile montags im Londoner Bluenote statt und hat sich mit eklektischen DJ-Sets und wechselnden Live Acts zu einem Szenetreff gemausert, den sogar Björk regelmäßig frequentiert. Wenig später spielen Projekt 23 zwei große Konzerte in London, eins im Jazzcafé und eins kurz darauf im London Astoria II in Cooperation mit dem Moving Shadow Label.

Hier nimmt die Londoner D&B Szene zum ersten Mal ernsthaft Notiz vom Live-Sound. DJ Ron, Roni Size, MC Dynamite, Peshay, DJ Die und Rob Playford sind im Publikum und zeigen sich sichtlich beeindruckt. DJ Ron nach dem Konzert im Jazzcafé: „Wie zum Teufel habt ihr das gemacht?“ Marques Antwort: „Wie WIR das machen? Wir versuchen herauszufinden wie IHR diese Musik macht, spielen sie aber live“. Im LA II erzählen Roni Size & MC Dynamite Marque nach dem Auftritt:

„ We’re coming for you, bro…Wir werden auch live spielen und das war pure Inspiration für uns.“

Im Jahr darauf startet Jojo Mayer in New York Prohibited Beats, wo er mit seiner Band Nerve und anderen gleich gesinnten Musikern, DJs und MCs gemeinsam in Echtzeit die Breakbeats aus dem kleinen Königreich decodiert und in hochenergetische Livesessions übersetzt. Am Mischpult steht Roli Mosimann, der Mad Professor des D&B, und füttert den Sound mit live on the fly gesampelten Loops der Band, Filtern und Effekten. Das Ergebnis sind so genannte „prohibited beatz“ („verbotene Beats“),
da alle Beteiligten Zeug spielen, für das sie bei jedem anderen Gig sofort gefeuert würden. Die Reaktion in der Szene und den Medien ist so überwältigend, dass die Veranstaltung wenig später in den angesagten Soho Club „Shine“ umzieht, und sich zu einem der hipsten Events der Stadt entwickelt.

Mit dem Trompeter Nils Pettr Molvaer und dem Pianisten Herbie Hancock entdecken Ende der 90er außerdem zwei sehr prominente Jazzmusiker D&B für sich und bereichern die Musik mit ihrem unglaublichen Spiel und vielschichtigen Kompositionen. Herbie Hancock war übrigens in den 60ern einer der ersten, der mit Loops experimentierte. Damals wurden Schleifen aus Tonband mit Konservendosen und Aschenbecher durchs ganze Studio geführt!

Kurz darauf macht in England der Jungle Drummer auf sich aufmerksam, indem er ähnlich wie Funky Drummer Alex auf Partys life zu DJs spielt. Seinen Stil zeichnen zwei Dinge aus: Zum einen umspielt er permanent die mittlerweile sehr straighten Beats auf den Platten, was zu sehr abgefahrenen Rhythmen führt, zum anderen legt er Wert auf den „Original Jungle Sound“ – laute Amens mit viel Körpereinsatz! Wenige Jahre später erspielt er sich mit dieser explosiven Mischung einen absoluten Traumjob und tourt mit London Electricity um die Welt! All diese Pioniere haben uns einen neuen Zugang zu der Musik beschert, die uns den Schlaf raubt, und mittlerweile sogar den einen oder die andere dazu bewegt ein Instrument zu erlernen – real life is analogue!


Part 1: Various Bands [1]

Text: Claas Sandbothe, Fotos: Werner Rolli
Der Text erschien im Headliner [2] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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