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3 Tage wach - Unterwegs mit DJ SS


Wenn einer das Motto seiner globalen Event-Reihe und Compilation-Serie „World Of Drum-n-Bass“ (WODNB) ernst nimmt, ist das garantiert der ewige Raver himself: The one and only DJ SS. Das Mastermind des alteingesessenen, floor-orientierten Labels „Formation Records“ und des deeper orientierten Sublabels „New Identity Recordings“ lebt Drum-n-Bass ohne Atempause oder jemals ausreichenden Schlaf, wie sich an drei intensiven Tagen im Hochsommer in Frankfurt offenbarte. Was unserem Headliner-Autor Franksen bei der Begegnung mit DJ SS passierte ist ein kleines Tagebuch wert…

Welcher upper league UK Drum-n-Bass Artist fliegt an einem Donnerstag im August um 09.55 in Frankfurt ein? Die übliche Antwort wäre „keiner“, wäre da nicht DJ SS. Der Mann aus Leicester ist gefühlte zwei Dekaden im Business, zählt 38 Lenze und gilt weltweit als Garant für volle Clubs und Festivalzelte. Bis nach Moskau, Perth oder Tallinn eilen die UK Top DJs um bei einer „World Of Drum-n-Bass“ Veranstaltung dabei zu sein. DJ SS selbst spielte in den langen Jahren seiner Karriere Gigs in allen Teilen dieser Erde von Mexiko über Shanghai bis nach Toronto.

Sein für manchen fraglich klingender DJ-Name fußt übrigens beileibe nicht auf verzerrtem britischem Humor. Als "Scratching Stein“ veranstaltet der gebürtige Leroy Small mit Kollegen im heimischen Leicester ab 1991 unter dem Namen "Total Kaos" eine Serie, die ihn zu Beginn der British Hardcore-, Jungle- und Drum'n'Bass-Bewegung bekannt macht. Im Jahr 1989 gründet er offziell „Formation Records“, 1993 erscheint die wegweisende Compilation „ A New Breed Of Ravers“. Heute ist es ein Eintrag von vielen hunderten in der Diskografiee von DJ SS. Raver „züchtet“ er aber immer noch, und das nicht zu knapp. Es gibt unendliche Projekte im Hause SS, schwierig da nicht den Überblick zu verlieren. Es ist kein Geheimnis, dass im Hintergrund seine Frau die Fäden zieht, und die spinnt das weltweite Netz der Geschäftsbeziehungen enger und enger. DJ SS’ Frau Tania hat die hektische Büro-Realität zwischen DJ-Flügen, Booking-Plänen, Gagen- Diskussionen und Eigen-Events à la „WODNB“ voll im Griff . Du willst an Top-Names wie Bryan Gee, Andy C oder DJ SS himself? Das von Tania geführte “UMC”-Management ist der richtige Ansprechpartner als Booking- und Veranstaltungs-Agentur.

Mein Ansprechpartner in Frankfurt ist long time Junglist Mad Vibes, dem heute das Label „Sidechain Music“ gehört und der auch für das Mastering von dem neuen Projekt von DJ SS: Green Law zuständig ist. Und da DJ SS Mad Vibes ein paar Tage im Studio besucht (er will das Mastering selber in der Entstehungsphase hören und benimmt sich dabei sehr akribisch) spielt er an diesem August-Wochenende mit Influx UK, MC Tali und uns die „Grill n Bass“ Session im Frankfurter „O 25“.

Donnerstag, 31.07.2008

An diesem Morgen hat DJ SS’ Frau Tania ihn selbstredend geweckt und zum Flieger gebracht. Mad Vibes und ich holen ihn pünktlich ab. 09.55 – in unserer Wahrnehmung unüblich früh für Engländer, aber das sagte ich bereits. Der übliche Schnack vom nächtlichen Studio- Hustle ist das erste, was aus ihm raussprudelt. Er war „up ’til 6, and then i left straight for Birmingham Airport“, hat alle Green Law Spuren noch „einzeln gebounced und die Vocals noch mal fetter abgemischt“, jetzt sei alles nur mehr eine Frage des Masterings. Auch die Fotos seines russischen Lieblings-Fotografen seien „wikkid“ und überhaupt… sehr schnell sind wir drin, in seinem Kopf, in seinen Projekten. Wenn er von Musik redet, ist da ein so ungebrochenes Feuer zu spüren, das man nicht verleugnen kann. Darüber hinaus ist DJ SS ein fast ruhiger Zeitgenosse.

Ein Kaffee? Ein Saft! Er lebt gesund, keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Kaffee. So viel Langeweile wird beim Welcome-Frühstück im nächst besten Offenbacher Kaffeehaus bestraft. Die Augen dank endlich einsetzender Müdigkeit auf Halbmast bestellt DJ SS aus der Liste an Säften, die ihm die mäßig englisch verstehende Bedienung anbietet, „grape“ und freut sich sichtlich auf Traubensaft, den er noch nach rot und weiß abfragt. Als eine Weile später ein Grapefruit-Saft einrollt, hat sich mein Verdacht bestätigt. Es ist was schief gelaufen. Als unsere Bedienung DJ SS die Saftsorten runter leiert, denke ich schon, dass kein einfacher Laden teuren Traubensaft zwischen die gemeine A- und O-Saft-Selection auf die Karte packt. SS ist nicht gerade blendender Laune, als er seine Gesundheitsprämisse mit bitterem Gaumen wahrt. Dann doch lieber direkt ab ins Studio. DJ SS will fette Bässe für das Green Law-Projekt, das wie „jedes nächste Projekt ein neues Level“ für ihn bedeutet. Die Green Law Single „Warrior“ setzt auf die Kombination aus Clubmusic und female Vocals, das Album bietet alles von Downbeats zu R&B und Drum-n-Bass und wird auf „New Identity Recordings erscheinen“: Die Vorabsingle „Warriors“ kommt dabei direkt in einem halben Dutzend Remixen, mit denen alles von Drum'n'Bass bis Garage, Dubestep und Elektrohouse abgedeckt wird. Für letzteres hat DJ SS derzeit ganz offene Ohren. Der deutsche Kreativschub der letzten Jahre in diesem Segment hat sogar mal die Engländer beeindruckt. Green Law ist zumindest auch für den UK Markt Radio verdächtig, hierzulande ist Dancemusic aus vielen terrestrischen Radiostationen gewichen und lebt im Internet auf.

Für unseren Abend mit DJ SS haben wir von 23 Uhr bis 02 Uhr früh einen Radiospot beim lokalen „Radio X“ ergattern können, in der „X Fade DJ Nacht“ lässt sich der Weltstar einen Gig nicht nehmen, und freut sich darauf, hier das neue Projekt zu promoten. Doch während die UK-Radio Jingles, die gleich das ganze Remixpaket im Megamix einer 6minütigen Werbeschleife abfeiern, nach Action, sympathischem Shoutout-Terror und mächtig Zug in der Sache klingen, stoppt DJ SS die Studioausstattung des kleinen Senders völlig. Keine brauchbaren CDJs. Auf zweimaliges Nachfragen, ob, und wann er denn was spielen möchte bekomme ich keine klare Auskunft, das Setup scheint die Sache zu kippen.

Als endgültig das immer wieder in ‚Frankfurt am Meer’ für einen Lacher sorgende „Seewetter in Übernahme des Deutschlandfunk“ auf „Radio X“ abläuft und unsere Showtime anbricht, hat DJ SS nach kurzem Murren eine erste Vinylpromo aufliegen. Was man über seine Vernarrtheit ins Auflegen hört, bewahrheitet sich. Er ist natürlich auch hier gerne ‚in control’. Als ich ihm kurz ein Wasser besorge, geht auch noch das rote Licht über dem Studioeingang an, DJ SS „On Air“! Mit einer Selection an frischen Promos und Klassikern mixt er sich vom deepen soulful Sound à la Mos Def „Panties“ und DJ Freshs „All That Jazz“ zum wobbeligen Ravesound, den man von seinen Clubsets kennt. Dass er nahezu jeden Tune in feinster Pirate Radio- Manier, einem Top Radio-MC gleich anmoderiert, die Crews von Frankfurt bis Mannheim grüsst, „my man Connecta“ biggt und sich für Bassface Saschas „International Sound“ selber einen Rewind besorgt, schockiert uns nahezu. Wusste dieser gottverdammte Player vor dem Herren auch vorher schon genau, welches game er spielen will?! Egal, das Mic ist frei und der Mann legt so kräftig los, dass sich alle von Fabio bis Bailey bei der BBC mit ihm messen dürfen. Mit seinem Schlafverhalten messen wir uns ja alle irgendwie, ob das aber in ‚dem’ Alter so klar geht, ist fraglich. Wir liefern DJ SS um 1 Uhr im Hotel ab, wo er Nachts noch „business“ bis 4 Uhr auf dem Rechner hat. Der nächste Morgen beginnt um 10 Uhr für Mad Vibes und DJ SS im Studio.

Freitag, 01.08.2008

Ein weiterer Tag mit Augenrändern tief wie Mariannengräben, für uns alle. Die großen Jungs spielen tagsüber mit den Plugins. Ich bin übermüdet vom begonnenen schriftlichen Nachtrag der Radio-Session. Die Aussicht auf sommerliche 28° Celsius und unsere Party am selben Abend stimmt vorfreudiger. Der Tag geht auf beiden Seiten des Mains gemächlich zu Ende. Das Projekt „Green Law“ ist auf der Offenbacher Seite in Mad Vibes Mastering-Studio im Kasten, ich warte auf der Frankfurter Seite im Club „O25“ auf den Nach(t)schub an Grillgut, Geschichten und gemeingefährlichen Basslines. Um 22 Uhr sitzen wir mit der Possee, erweitert um Influx UK und die charmante MC Tali bei grilled chicken, Frankfurter Bratworscht und dem Getränk der Wahl zusammen am Tisch, bei DJ SS gibt es Wasser. Den Frankfurter „Äppelwoi“ mag keiner der Gäste so recht probieren. Böse Zungen behaupten ohnehin, er sähe aus wie Pipi, rieche gar so. Unser Nationalgetränk hat aber schon manchem hater stand gehalten. Ganz wie SS, der, wie die dutzenden Remixe und Bootlegs seines 1995er Über-Klassikers „The Lighter“, Jahr für Jahr die Szene mit bestimmt.

Gegen 02 Uhr entert DJ SS mit MC Tali die Decks, der Laden ist voll, und es folgt die klare Kernaussage: Ravemusic. Wobbel-Basslines, Autoscooter- Sounds, und ein Techno verdächtiges Soundbild, das allein die volle Zwölf ansteuert. Fashion-Freak DJ SS feiert mit den Leuten, und im feinen weißen Hemd, mit dem seitlichen Hahnenkamm auf dem geschorenen Kopf wirkt er wie ein Raver, im etwas anderen Kostüm. Das Publikum in Frankfurt ist im Durchschnitt an diesem Abend Anfang bis Mitte Zwanzig, für DJ SS „very mature“. Er spielt weltweit mehr „for the kids“, wobei mir persönlich sein DJ-Set im Radio eher „mature“ vorkam. Publikum und DJ sind aber äußerst glücklich, und DJ SS fragt uns direkt, wann wir in Frankfurt die große WODNB gastieren lassen wollen. Nach ein paar weiteren Wassern und dem Set von Inlux UK sucht DJ SS um halb sechs das Hotel und sein Bett auf. Die Abschlußveranstaltung’ am nächsten Morgen hat es ohnehin in sich…

Samstag, 02.08.2008

Um 8 Uhr klingelt nach unchristlicher Schlafzeit von zwei Stunden mein Wecker. DJ SS’ Flug geht um elf, er muss um zehn am Flughafen sein, ich hole ihn um 09.40 am Hotel ab. Zwanzig Minuten reichen. Denkste… als ich mein Taschentelefon anmache, poppt als erstes eine SMS von ihm auf. „Make it 09.30, bro“. Ich muss schmunzeln. Witzig, wie ungewohnt diese schlaflose Maschine names DJ SS funktioniert. Mad Vibes lacht über die Geschichte und erklärt mir, dass hinter DJ SS Arbeitswut, Pünktlichkeit und Genauigkeit in allen Projekte angeht, auch teils wieder der Drill von Tanya steht. Die hat die Uhren von 30 weltweit ausstreunenden UMC-Artists zu verwalten. Klar, da verschläft der eigene Kerl ganz sicher nicht. DJ SS ist getimed. Um 09.31 biege ich in die Straße seines Hotels, als der in Panik um eventuell verpasste Flugzeiten wieder mal überwach wirkende Reisende bereits in der Hotel-Lounge am Internet-PC klebt. Um 09.32 eine weitere SMS: „Where are u mate, my plane is at 11“. Das finde ich jetzt nur noch semi-lustig und informiere ihn, als ich ihn um 09.34 ins Auto packe, das er sich keine Sorgen machen muss, da ich von der selben Rast- und Schlaflosigkeit wie er zehre. Gut, in neu gewonnner Vertrautheit rollen wir Richtung Flughafen.

DJ SS erzählt mir vom Leicester Carnival, den er Abends spielt. Wie der berüchtigte Notting Hill Carnival ging auch dieser aus der Musikkultur der black communities hervor, erklärt er mir. „Überall, wo in England starke communities sind, hast Du einen Carnival“. Und während hierzulande der handelsübliche Karneval nicht jedermanns Sache ist, kann ich als Junglist DJ SS’ Vorfreude über das kommende Set zwischen den viele Reggae, Dubstep, House und Drum-n-Bass- Soundsystems nachfühlen. Persönlich gesehen ist mir aber der Gedanke ans Bett der nächste.

Goodbye DJ SS, er bedankt sich für die „wikkid party“ und verabschiedet sich zum nächsten Mal. Das ist schließlich schon um 12 Uhr hiesiger Ortszeit… per SMS. DJ SS ist eben gelandet, berichtet aber folgendes: “i left my blackberry at the hotel“. Wäre ich ein böser Mensch, schriebe ich auf diese kurze Ansage jetzt nicht zurück. Wo ist die Frage, ob ich im Hotel anrufe und es der noch ihren Late Check-Out entgegen schlafenden Tali mitgebe? Entgleitet ihm das game? Eben will ich dank meiner guten Erziehung doch antworten, ich werde mich drum kümmern. Da kommt eine zweite SMS von DJ SS: „could u pick it up and give it to tali“. Fraglich, ob ich jetzt 20 Kilometer zum Hotel fahren will. Ein simpler Anruf klärt die Sache doch, das Blackberry wird samt Tali nach Leicester überführt und kann, wie DJ SS in der kommenden Nacht glühen.

Dass auch ein Arbeitstier wie DJ SS einen kleinen Fehler im System haben kann, beruhigt mich. Ich packe mir die eben erschienene M CD „Deep Sound“ von DJ SS und Influx UK samt MC Tali in meinen Auto-CD-Player und fahre in den Garten. Soulful Sound im exklusiven Mix, das ist jetzt genau das richtige für einen so übermüden Mittag, in einer großen Welt aus Drum und Bass!


Text: Frank Eckert, Fotos: Vladimir Drozdin SPB Russia
Der Text erschien im Headliner [1] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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