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Vinyl, CD, MP3, Dubplates - Der tobende Formatkrieg


Kaum eine Sache polarisiert derart, wie der vor wenigen Jahren entbrannte Formatkrieg rund um CDs, MP3s, Vinyl und den Dubplate-Acetaten. resident hat sich der Problematik angenommen und direkt mit den Artists, Labelbetreibern und Plattenladenbesitzern gesprochen.

Lokalaugenschein auf einer Party in Wien: Aphrodite steht hinter den Decks, auf den Plattentellern rotieren fast ausschließlich Dubplates. Ein lokaler DJ zu mir: „In meinen Augen pure Geldverschwendung. Da stehen doch eh die CD-Decks.“

Ob aus Bequemlichkeit oder Gewohnheit – jeder DJ und Produzent hat in den letzten Jahren seine Vorlieben für ein bestimmtes Format entwickelt. So erzählt etwa Cyantific von Hospital Records: „Ich spiele ausschließlich Vinyl, und zwar einfach aus Gewohnheit und persönlicher Vorliebe. Ich spiele es so lange, bis sie aufhören, es zu produzieren.“ Auch sein Label-Kollege Danny Byrd bleibt dem „good, old Vinyl“ treu. Die Argumente der Vinyl-Verfechter: „Vinyl hält länger als CDs. Ich habe so viele kaputte CDs, das passiert einen bei Platten nicht so schnell“, so Cyantific. Danny Byrd beschwert sich außerdem über den noch fehlenden Standard von guten CD-Playern in den Clubs. DJ Flight hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Als ich angefangen habe, mit CDs aufzulegen, gab es sehr oft Horror-Erlebnisse. Nicht jeder Club hatte CDJs, manchmal standen da nur so alte CD-Doppeldecks ohne präziser Pitch Control.“ Mittlerweile dürften sich in jedem guten Club jedoch auch zwei anständige CDJ-Turntables befinden. „Der CDJ-1000 von Pioneer ist jetzt fast überall Standard“, meint Flight.

Der Klangunterschied

Da stellt sich jetzt die Frage, ob man zwischen Vinyl und CDs im Club überhaupt einen Unterschied hört? Bei Vinyl fehlen die hohen Frequenzen und der Sound klingt „wärmer“. Dies ist auch in den meisten Clubs hörbar – sofern dort ein halbwegs brauchbares Soundsystem steht. Denn wie Produzent Paul B von Step2Zero Recordings richtig anmerkt: „Wenn ein Soundsystem scheiße ist, klingt alles gleich scheiße.“ Die hohen Frequenzen können auf guten Soundsystemen durchaus im Ohr wehtun, doch gute Produzenten wissen, wie sie mit dieser Problematik umgehen: „Man weiß das ja, und wenn man das beim Mixdown beachtet, ist es nicht das Ende der Welt“, meint Matty C von Concord Dawn dazu. Es ist natürlich auch auf CDs wichtig, wie ein Tune klingt. DJ Raw.Full von Ill.Skillz spielt etwa nur Tunes, die einen guten Mixdown haben. „Wenn der Tune vor dem Mastering schlecht klingt, dann werde ich ihn einfach nicht spielen, auch wenn mir die Idee gefallen sollte. Tunes, die schon vor dem Mastern schlecht klingen, lassen dann in der Regel auch auf Vinyl zu wünschen übrig.“

Jetzt schleicht sich an dieser Stelle noch ein weiterer Diskussionspunkt ein: Die meisten Tunes werden heutzutage nicht mehr via WAV verschickt, sondern in komprimierter Form als MP3, dem „JPG des Sounds“. Ist dieses komprimierte Format gut genug für die Clubs? „Ohne Hardcore-Soundanalyse kann kaum jemand einen Unterschied zwischen einem 320er-MP3-File und einem WAV-File hören“, so Paul B.

Auch Vinyl-Verfechter DJ Soulsurfer aus Mannheim gesteht ein: „Ja, sie sind gut genug für die Clubs – weil die Anlagen in 99 Prozent der Dance-Clubs eh so übel sind, dass man den Unterschied kaum oder nicht bemerkt.“ Ein trauriges Argument - und ein harter Angriff auf die Soundsysteme der Clubs. Oft genug spielen CDJ-DJs jedoch nicht nur hochauflösende MP3s, sondern Files mit niedriger Bitrate – genau das ist dann oft auch auf durchschnittlichen Soundsystemen zu hören – und bringt dem Format selbst einen „schlechten Ruf“ ein.

Quantität vs. Qualität

„Als Produzent nimmt man sich so viel Zeit für den Mixdown, und generell dafür, dass ein Tune wirklich gut klingt. Wenn man dann aus dem Studio kommt und das Beste abgeliefert hat, wieso soll man dann Low-Quality MP3s spielen von CDs? Ich versteh das nicht!“ meint der Dubstep-Produzent N-Type zur Debatte. Doch das Ganze lässt sich auch aus der anderen Perspektive betrachten: „Endlich ist ein Tune fertig und mit CDs kann man ihn am selben Tag, noch wenige Stunden später, im Club spielen!“ Alien Pimp, der die digitalen Labels Soundkraft und Dubkraft führt, ist von CDs regelrecht begeistert. Und hier tut sich auch schon die neue Problematik auf: Vinyl-Releases garantieren oftmals Qualität, da die meisten Tunes vorher gemastered werden und nicht jeder „Dreck“ auf Vinyl released wird; CDs sorgen dagegen für Vielfalt und Quantität – die nicht unbedingt schlecht sein muss. DJ Flight beispielsweise schwärmt davon, dass sie so viele gute Tunes als MP3 bekommt, gibt aber gleichzeitig zu, manche Tunes auf CD nur ein- bis zweimal gespielt zu haben: „Zu Testzwecken“.

Dubplates – vom Aussterben bedroht

Und hier kommt ein weiteres, altes Format ins Spiel: die „Dubplate“. Das ist eine spezielle Aluminiumplatte, die mit Acetat beschichtet ist und „geschnitten“ wird – und nicht wie Vinyl gepresst. Dubplates werden als Einzelstücke angefertigt und halten nur begrenzt.

Das Cutten von Plates ist aufwendig, teuer – und exklusiv. Man cuttet nur Tunes, denen man einen gewissen Wert einräumt. Anfang der 90er-Jahre waren Dubs für einen DJ oft die einzige Möglichkeit, Exklusivität zu bieten. DJ N-Type schwärmt: „Es gibt den großen DJs etwas Einzigartiges. Ich erinnere mich an die zahlreichen Tape-Packs von früher, mit Sets von Andy C, Hype, Mickey Finn, die so viele kranke Dubplates gedroppt haben. Wenn dann der Tune endlich auf Platte rauskam, war es wie Weihnachten und Ostern zusammen.“ Er selbst ist einer der wenigen, die noch regelmäßig zu Transition in London pilgern, um sich Dubs schneiden zu lassen. DJ Flight beispielsweise, die früher auch viele Dubplates gecuttet hat, ist jetzt auf CDs umgestiegen. „Wie ich angefangen habe, war es der einzige Weg, freshe Tunes zu spielen. Jetzt mache ich es nur noch für meine Radioshow oder spezielle Mixtapes.“ Auch N-Type räumt ein, dass die Technologie vermutlich nicht mehr allzu lange populär sein könnte, doch er spricht gleichzeitig von einem Kult – Dubplates könnten seiner Ansicht nach in wenigen Jahren wahren Kultstatus erlangen.

25 vs. 2 Kilogramm

Dubplates sind schwer, noch schwerer als Vinyl. Die prall gefüllten Plattentaschen der DJs wiegen oft mehr als 20 Kilogramm. Diese gilt es erst einmal von Flughafen zu Flughafen zu schleppen, denn internationale DJs fliegen praktisch jedes Wochenende in eine neue Stadt. „Wie ich das erste Mal nach Europa gekommen bin, habe ich zwei Plattentaschen mit Vinyl, einen CDJ und meine Unterhosen mitgenommen. Da brauch ich wohl nicht mehr viel dazu sagen, außer dass ich ein Depp wäre, wenn ich die ganze Zeit dieses Zeugs mit mir herumschleppen würde“, meint Matty C von Concord Dawn. Tatsächlich ist die Leichtigkeit von CDs ein gutes Argument für reisende DJs. Paul B beispielsweise legt in seiner Heimatstadt Moskau mit Vinyl auf, zu internationalen Gigs reist er jedoch mit seinem „Final Scratch.“

Final what? „Final Scratch“ ist, ebenso wie Serato Rane, ein digitales System, welches via MP3/WAV-Sammlung am Computer und speziellen Schallplatten funktioniert. Man legt mit Schallplatten auf, jedoch wird die Bibliothek an Files via Computer gesteuert. Viele DJs, die ein Faible für Vinyl haben und das „Feeling“ nicht missen möchten, greifen auf diese digitalen Systeme zurück. Auch DJ Soulsurfer aus Mannheim überlegt, ob er für seine Reisen nicht Serato Rane anschaffen soll. Seine Argumente dafür: „Man ist auf Reisen wesentlich flexibler, man kann eine Anzahl von Tunes mitnehmen, die jedes Gewichtslimit jeglicher Fluggesellschaft aushebelt und somit besser auf die Crowd eingehen. Es spart außerdem Zeit – man muss den Plattenkoffer nicht mehrmals pro Monat neu packen - und es schont die Kondition.“ Kritiker hingegen behaupten, solche digitalen Systeme seien störanfällig und daher unsicher.


“Ich habe so viele kaputte CDs - das passiert einem bei Platten nicht so schnell!“

“Ohne Hardcore-Soundanalyse kann kaum jemand einen Unterschied zwischen 320er-MP3s und einem WAV-File hören.“

“Wie ich angefangen habe, waren Dubplates der einzige Weg, freshe Tunes zu spielen.“

.. über seine Plattenkoffer: "Ich wär ein Depp, wenn ich die ganze Zeit dieses Zeugs mit mir herumschleppen würde!“

"Vertriebe, die pleite gegangen sind, haben entweder schlecht gewirtschaftet oder die Zeichen der Zeit nicht erkannt.“



Die Business-Aspekte: Was verkauft sich?

Doch langsam ist es genug mit den Argumenten. Kommen wir noch zum Business-Teil. Produzent Danny Byrd sieht sich als Artist regelrecht dazu verpflichtet, mit Vinyl aufzulegen. „Die meisten meiner Releases kommen auf Vinyl, also muss ich wohl selbst als gutes Beispiel vorangehen.“ Er sieht die Verkäufe gefährdet, wenn viele DJs nur noch digital auflegen. Gerade erst seien zwei House-Vertriebe eingegangen, Drum’n’Bass dürfe das nicht passieren.

Doch da weiß DJ Soulsurfer aus Mannheim, der den Plattenladen „Monopol“ besitzt, dagegenzuhalten: „Vertriebe, die pleite gegangen sind, haben entweder schlecht gewirtschaftet oder die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Gerade bei Drum’n’Bass haben wir das Problem, dass einige Vertriebe aus schierem Überlebenswillen ihren Umsatz sichern müssen - und anstatt zwanzig Labels im Portofolio zu haben, die sich sehr gut verkaufen, verfolgen einige die Strategie, lieber hundert kleine Schrottlabels mit mäßigen Verkaufszahlen zu unterhalten, die dann dem Ansehen von Drum’n’Bass schaden.“ Sein Rat: „Achtet auf Qualität – und ihr werdet auch in fünf Jahren noch ordentliche Verkaufszahlen erreichen können!“

Teebee von Subtitles kann das nur bestätigen. Die Vinyl-Verkäufe seines Labels sind in den letzten Jahren gestiegen. Qualität verkauft sich einfach nach wie vor. Doch auch reine MP3-Labels konnten in letzter Zeit ihr Ansehen steigern. MP3-Labelbesitzer Alien Pimp: „Heutzutage kannst du als Label ohne physikalisches Release respektiert werden, wenn Qualität und Werbung stimmen.“ Aus Label-Sicht sollten diese Argumente schon Grund genug sein, um den „Formatkrieg“ endlich zu beenden.

Im Folgenden findet Ihr ine Auflistung von für Drum'n'Bass Headz relevanten MP3 Onlineshops und Webseiten für Downloads. In Klammern sind die Bezahlmöglichkeiten angegeben. Aufgrund der hohen Dynamik im Bereich Onlineshops können diese Angaben sich natürlich ändern. Deshalb keine Gewähr.


Text: Barbara Weaner
Der Text erschien im resident [6] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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