URL: http://www.future-music.net/stage/features/2007-08_gedanken-zur-labelgruendung/ Zurück zur normalen Ansicht

Grundsätzliche Gedanken zur Gründung eines Labels


Ein Label zu gründen wird dich mindestens einen Arm, ein Bein, deine Jugend und deine Unschuld kosten! Es ist ungefähr so spaßig wie das Entfernen aller deiner Backenzähne ohne Narkose und wird dich mit höchster Sicherheit in den Bankrott stürzen – nach vielen Stunden harter Arbeit, heiß telefonierten Ohren und dem ständigen Risiko, dass du wegen Magengeschwüren aus dem Rennen scheidest!

Falls du immer noch ein Label gründen möchtest – hier ein paar Anmerkungen und Denkanstöße...


Warum ein neues Label?

Mach dir Gedanken warum dein Label besser ist als alle anderen, warum die Leute gerade deine Releases kaufen sollen. Hast du wirklich eine Marktlücke entdeckt oder willst du mitschwimmen? Trendsetting-Labels haben natürlich immer mehr Chancen als Trendfollower (bergen aber ein größeres Risiko – was passiert wenn man doch keinen Trend setzt?).

Überlege, ob es wirklich ein neues Label braucht. Jeden Monat werden Tausende neu gegründet und ebenso viele gehen wieder ein. Sieh es als teures Hobby! Es ist fast ausgeschlossen, Geld zu verdienen.

Der Labelname

Ein Labelname sollte leicht zu merken sein, catchy und dem Style deiner gewünschten Veröffentlichungen angepasst.

Das Logo

Investiere lieber zuviel Zeit als zu wenig in das Logo – es muss später auch auf T-Shirts, DJ-Bags oder als Tattoo auf dem Hintern deiner Freundin gut aussehen! Hol dir lieber einen Designer ins Haus der deine Wünsche umsetzt, als dass du selbst was bastelst – es gibt mit Sicherheit an jeder Kunsthochschule Studenten, die dir gerne gegen ein paar Freiexemplare und einer Kiste Bier zur Hand gehen!

Dein erstes Release

DU wirst die Veröffentlichung promoten, sie deinen Freunden, Medien, DJs, potenziellen Käufern vorstellen müssen.

Wenn du selbst nicht 100% Feuer und Flamme für dein Release bist dann wird dir niemand denselben „abkaufen“!

Lass die Tracks erstmal liegen. Hör sie dann mit Abstand wieder an: sind sie immer noch gut? Können sie im Club/Radio gespielt werden? Übertreffen sie die Konkurrenzprodukte? Sind sie DEINE Investition wert?

Der Vertrag

Solltest du nicht deine eigenen Tracks veröffentlichen wollen, bedarf es einen Vertrag mit dem Künstler. Sieh den Vertrag als Merkzettel, auf dem das Label und der Künstler die Bedingungen der Zusammenarbeit festhalten. Halte ihn kurz und einfach und spar dir jegliche Pseudotricks. Beide Seiten können, wenn sie wollen, jeden noch so wasserdicht scheinenden Vertrag sprengen! Beschränkt euch aufs Wichtigste: Wer mit wem was wie lange wo wie und wie viel. Ein Vertrag ist nur dann etwas wert, wenn beide Seiten an einem Strang ziehen. Halte niemals einen Künstler gegen seinen Willen bei deinem Label!

Das Format

Mach dir Gedanken, in welchem Format du die Tracks veröffentlichen willst.

Vinyl: Der Markt für Schallplatten ist nach wie vor relativ solide. Eine Platte kann man nicht so einfach kopieren. Falls du dich für eine gedruckte Schallplattenhülle entscheidest, hast du die größte verfügbare Werbefläche für dein Produkt im Laden. Mit herausragendem Layout, farbigem Vinyl, Stickern etc. machst du aus deinem Release ein Sammlerobjekt, das bald mehr wert sein kann als am Tag der Veröffentlichung.

CD: ein umstrittenes Format. Sie kann in wenigen Sekunden kopiert werden und hat somit praktisch keinen Wert. Mit aufwendigem Packaging und nettem Booklet kann man das Release hochwertiger machen. Kleine Auflagen kann man selbst brennen und ohne großen Aufwand verbreiten.

DVD: bietet mehr Möglichkeiten als die CD: Mit Videos, Musik, Datenteil und dem großen Booklet kann man ein attraktives Angebot zusammenstellen. Die DVD kostet wenig in der Herstellung, ist allerdings auch schnell zu kopieren.

Digital: Netlabels gibt’s wie Sand am Meer. Das Angebot von digital verfügbaren und großteils auch kostenlos angebotenen Tracks ist gigantisch. Auch hier ist viel Promo erforderlich, um die Zielgruppe zu überzeugen. Allerdings gibt es auch originelle Ideen: Freunde von mir, die in Brooklyn ein Underground HipHop-Label und Schallplattenladen betrieben, haben täglich den Track des Tages per Bluetooth auf die Handys der Passanten übertragen: Teilweise einige Dutzend Musikliebhaber hielten sich vor dem Schaufenster des Ladens auf.

Kassette: Ein Klassiker, der inzwischen Kultstatus besitzt und fast schon rührend wirkt. Leider gibt es nur noch wenige Tapeplayer in Haushalten oder Autos. Special Packaging ist auch hier gefragt

USB-Stick: Einige Bands haben es bereits vorgemacht: Die Veröffentlichung per USB-Stick. Wenn dem Käufer die Musik auf den Zeiger geht kann er sie immer noch vom Speichermedium kicken und den Stick weiterverwenden. Auch hier ist Packaging gefragt.

Achtung: Jedes Medium bedarf eines anderen Masterings! Lieber nicht auf eigene Faust experimentieren sondern es einem Fachmann überlassen! Professionelle Studios nehmen etwa 40 Euro/Track.

Das Artwork

Du hast generell 2 Möglichkeiten:

Das Presswerk

Die richtige Auswahl des Presswerks kann viel Geld und unangenehme Überraschungen ersparen! Nicht also gleich beim ersten Angebot zuschlagen sondern Kostenvoranschläge bei diversen Presswerken einholen! Baller nicht gleich mit astronomischen Stückzahlen los. Nichts ist schlimmer als auf Tausenden von unverkauften Exemplaren zu sitzen und sie bis unter die Decke zu stapeln. Achtung: Vinyl ist PVC und somit Giftmüll!

AKM, Gema, Suissa, Sasem, GVL, Verlagesrechte, Labelcode

Tu dir selbst einen Gefallen und versuch oben genannte Vereine zu umgehen! Such dir Verlags- & AKM-/GEMA-freie Künstler und melde deine Auflage als Promo-Auflage an. Hol dir einen Labelcode erst wenn du auf großen internationalen Stationen auf heavy rotation läufst. De facto ist es fast unmöglich einen Verlag zu finden, der etwas für Newcomer macht! Behalte die Verlagsrechte – falls du einen Hit hast, kannst du die Verlagsrechte noch immer gegen bare Münze verkaufen!

Der Vertrieb / Eigenvertrieb

Tja. Jetzt hast du einen Tonträger – wie soll er unter die Meute? Entweder du suchst dir einen Vertrieb oder du klapperst selbst die Läden deines Vertrauens ab.

Der Vertrieb: Es gibt Dutzende Tonträger-Vertriebe in Europa. Bevor du sie kontaktierst checke, was für Labels sie im Vertrieb haben. Es macht keinen Sinn ihre Zeit zu stehlen, wenn der Vertrieb ausschließlich Klassik im Programm hat. Finde heraus wer dein Ansprechpartner ist. Vertriebsmanager bekommen Hunderte von Angeboten pro Tag, mach dir Gedanken, warum der Vertrieb gerade deinen Sound gut finden soll! Hast du einen geeigneten gefunden, steht ein Vertriebsvertrag an. Versuch zu erreichen, dass der Vertrieb dir garantiert, mindestens z.B. 250 Tonträger zu verkaufen. Damit hast du eine wirtschaftliche Größe mit der du kalkulieren kannst und dein Risiko abschätzt. Es besteht immer die Gefahr, dass dein Release im Gesamtprogramm des Vertriebs untergeht. Ein Vertrieb verkauft am liebsten Produkte, zu denen man nicht viel erklären muss und man schnell großen Umsatz machen kann. Lass dir ein Productfact zeigen und lehne dein eigenes an die Vorgabe an.

Achtung: Ein Vertrieb verkauft alles, was über die Anzahl fest zugesicherter Stückzahlen hinausgeht nur auf Kommission, falls sie also nicht verkauft werden, werden sie unausweichlich irgendwann wieder bei dir landen! DU trägst das Risiko, nicht der Vertrieb! Wenn ein Vertrieb die Erstauflage ausverkauft hat und Backorder vorliegen warte mit dem Nachpressen, bis die Nachbestellung die Produktionskosten des Nachpressens deckt! Lass dir vom Vertrieb schriftlich geben dass diese Bestellungen vorliegen! Ansonsten kann es schnell passieren, dass du plötzlich Retouren zurückbekommst. Falls dein Vertrieb bereits 100.000 Tonträger deines Labels in den Handel geliefert hat ist das kein Grund den Porsche zu bestellen. Es kann immer noch passieren, dass die gesamte Anzahl der Tonträger abzüglich des Committments des Vertriebs zurückkommen. Retouren haben schon so manchem Label das Genick gebrochen!

Der Eigenvertrieb: So absurd es sich anhört kann man mit etwas Aufwand und Überzeugungskraft selbst einige hundert Tonträger absetzen. Besuche deine Plattenläden (mit einem Sixpack Bier) regelmäßig – auch wenn du gerade kein neues Release hast. Wenn du Wochen später mit deinem ersten Release auftauchst sind die Chancen besser, gut platziert zu werden. Der Vorteil ist, dass du ein bisschen mehr Geld pro verkauften Tonträger bekommst und auch der Laden mehr Geld verdient als wenn er bei einem Vertrieb ordert. Stell dich darauf ein, dass auch beim Eigenvertrieb die Läden deine Tonträger ausschließlich auf Kommission ins Programm nehmen werden. Also auch hier ist penible Buchführung mit Lieferscheinen, Abrechnungen, Rechnungen etc. gefragt!

Marketing, Promotion

Unglaublich wichtig ist das Marketing, die Promotion für dein Label. Wenn das Label/dein neues Release nicht Gesprächsstoff ist, dann werden sich wenige Käufer dafür interessieren. Wende dich zuerst an die Multiplikatoren, an die Leute, die dir helfen, das Label bekannt zu machen: DJs, Radiostationen, Printmedien, andere Künstler. Auf gar keinen Fall solltest du ungefragt MP3s als Email-Anhang versenden, das macht schlechte Laune beim Empfänger!

Für die DJ-Promo mach dir die Mühe und biete für verschiedene DJ-Software optimierte Tracks zum Download an. Jeder Musikstil hat seine eigenen Internetforen. Poste allerdings nicht nur bei deinen eigenen Releases! Member, die Foren ausschließlich zur Eigenwerbung benutzen, sind nicht gern gesehen! Mach dir Gedanken wie dein Label auftreten soll. Kontaktiere sinnvoll die Medien: Wenn in der „Freundin“ dein Label als "zuckersüß" gelobt wird, weißt du, was du falsch gemacht hast!

Abrechnung

Wenn dein Release nicht von dir ist kommt irgendwann der bittere Tag der Wahrheit: Dein Künstler möchte wissen, was seine Scheibe verkauft hat und wie viel Geld er bekommt. Mach vorher mit ihm aus, was sein Anteil ist! Kläre vorher wie weit deine Verwertungsrechte gelten. Wie lange überlässt dir der Künstler die Rechte an der Auswertung? Wie wird mit Zweit- und Drittverwertungen verfahren, also wenn der Track auf eine Compilation kommt oder als Soundtrack verwendet wird? Oder gar ein größeres Label kommt um den Track noch mal zu veröffentlichen?

Sei kreativ bei Underground-Releases. Dass ein Label keinen Gewinn bei 300 verkauften Tonträgern macht sollte jedem ersichtlich sein. Sollte der Künstler Extrawünsche haben dann berechne das mit ein! Dein Label muss nicht jedes Wagnis zu 100% mitfinanzieren! Gib deinem Künstler großzügige 25 Belegexemplare kostenlos, das ist mehr als die meisten Labels geben. Sollte er danach weitere Exemplare haben wollen, berechne diese zu dem Herstellungspreis. Stelle gleichzeitig auch fest, ob der Künstler seine Belegexemplare auf Ebay anbietet.

Spar dir Zeit, Laune, Arbeit: Schließe Pauschalabkommen! Ich selbst veröffentliche auch gern gegen eine Xbox, ein freakiges Effektgerät oder einen abgerockten Jeep als Bezahlung. Das erspart dem Label die Anfertigung einer Abrechnung und nimmt dem Künstler die Last, hinterherzulaufen.


Text: Dr. Walker [1]
Der Text erschien im resident [2] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. [3]


Ihr habt Kommentare / Fragen? Diskutiert das Feature im Future Forum [4]!

URL dieses Dokuments:
   http://www.future-music.net/stage/features/2007-08_gedanken-zur-labelgruendung/

Links:
   [1] http://www.psychedelickitchen.org/labelhure
   [2] http://www.resident.at/
   [3] http://www.future-music.net/stage/gallery/2006/2006-09-02_sunandbass/
   [4] http://www.future-music.net/forum/showthread.php?t=44620



© 1995-2017 Future & www.future-music.net