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2.766.890 km² / 1 Club
Szenecheck Argentinien


einpacken. losgegehen. taxirufen. einsteigen. inderschlangewarten. fliegersuchen. fliegerfinden. platznehmen. abheben. daumendrehen. achbitteschreidochnichtsovielkleinesbaby. daumendrehen. daumendrehen. ankommen – endlich! Willkommen in Argentinien!

"Argentinien, das wohl etwas andere Land der Musikweltkarte. Während in unseren Breitengraden Drum'n'Bass seit Jahren boomt und man allabendlich zu guten Events pilgern kann, findet sich in dem geographisch achtgrößten Land der Erdkarte erst etwas, wenn man beginnt, kleine Steine umzudrehen.

Die Drum'n'Bass Szene steckt, frech gesagt, hier noch in ihren Kinderschuhen. House, Punk und Techno regieren die Tanzflächen - und das mit eiserner Hand.

Buenos Aires, das schillernde Herz Argentiniens, hat ein Nachtleben, welches seinesgleichen unter den Weltmetropolen sucht. Kaum jemand geht vor 1 Uhr aus, kaum eine Disco sperrt vor 2 Uhr auf und wer nach einer durchgetanzten Nacht vor dem gemeinsamen Frühstück mit Freunden schon nach Hause geht, ist entweder berufstätig oder einfach nur unfreundlich. In jeder größeren Strasse findet sich eine Disco, hier genannt "Boliche“ und jeder Argentinier empfiehlt einem wohl jeweils eine andere.

Die meisten Clubs haben jedoch etwas gemeinsam: Sie spielen meist dieselben Musikrichtungen - Techno und House, hier liebevoll “Bunchi Bunchi” genannt - diese aber mit qualitativ absolut hochwertigem Equipment in spitzen Locations. Das Land steckt zwar seit Jahren in einer Wirtschaftskrise, aber bitte nicht nachts und schon gar nicht unter dem Einfluss von Bässen. Die Argentinier lieben es einfach auszugehen, sie lieben ihr Nachtleben und sie lieben es zu Feiern. So ist es nicht verwunderlich, dass nahezu alle Locations stets gut besucht sind.

Ein guter Teil dieses Discopublikums sind stets Touristen. „Sie kommen gerne, tanzen lange und trinken viel", so ein argentinischer Veranstalter. Das hat auch einen Grund, denn momentan ist Ausgehen in Argentinien so günstig wie in kaum einem anderen Land. Der unbalancierte Wechselkurs macht es möglich, dass ein Tourist plötzlich dreimal soviel Geld zur Verfügung hat. Spitzen Partys sorgen zusätzlich dafür, dass er es dennoch gänzlich, wenn nicht sogar mehr, ausgibt. Ein Bier kostet in einem großen Club auf Grund des aktuellen Wechselkurses umgerechnet kaum mehr als 1,50€ und der Eintritt ist mit 7€ bereits hoch angesetzt. Viele Touristen nehmen daher Buenos Aires aufgrund seines Nachtlebens fix in ihre Südamerikaroute auf.
Aufgewärmt wird in Buenos Aires, dann geht es zur Afterparty nach São Paulo und Rio de Janeiro - so lautet der Plan der Kälteflucht oder einfach nur der Urlaubsgeheimtipp vieler Europäer.

Aber wo findet Otto Normalpartygeher seine geliebten Drum'n'Bass- Clubs in Buenos Aires? Kaum ein Argentinier kann mit dem Begriff Drum'n'Bass etwas anfangen. Fragt man doch danach, wird man meist nur mit einem zwar freundlich gemeinten aber stets leicht verwirrten Lächeln stehen gelassen. Selbst in Plattenläden wird man kaum mehr als ein „ Ja... kenn ich“ hören. Man fühlt sich hier einfach ein wenig in der Zeit zurückversetzt. Während wir in resident die D'n'B Geschichte unserer Länder aufarbeiten, kann man hier noch selbst mitschreiben. Denn man befindet sich mitten im Entstehungsprozess der Drum'n'Bass Szene. Daher zurück zu den Steinen und den paar D'n'B Clubs und DJs, die sich darunter verstecken.

Allen voran „DJ Bad Boy Orange [1]“, der einsame Vorreiter der argentinischen Drum'n'Bass Szene. Seit 1999 unterwegs, startete er 2003 den wohl einzig regulären Drum'n'Bass Club Argentiniens "mas160 [2]". Trotz des nahezu unbekannten Genres und dem für Buenos Aires unüblichen Ausgehgehtages Dienstag füllt DJ Orange wöchentlich seine Tanzfläche mit 500 bis zu 700 Gästen - „und jedes Mal werden es mehr“. Wer in Buenos Aires ankommt, darf „mas160“ Dienstagnacht in der Disco „Bahrein“ nicht verpassen.

Wirft man aber hier nun einen Blick auf die Zweimonatsflyer, zeigt sich nun doch die gegenwärtige Wirtschaftskrise. Denn große Namen aus UK werden „nicht gebraucht“ bzw. sind einfach unerschwinglich – “es fehlt das Geld, ihre Flüge zu bezahlen” so Orange - von der Gage ganz zu schweigen. Dies ist die andere Seite der Wirtschaftskrise, die, ungefähr zur selben Zeit als der Club startete, ihren Höhepunkt erreichte.

Dass es aber auch ohne große Namen gehen kann, zeigt dieser Club, denn nahezu nur argentinische DJs legen auf. Viele von ihnen sind Electronic DJs, die speziell für diesen Abend ihre Drum'n'Bass Platten hervorholen. Ab und zu helfen auch einfach spontane Besucher oder Freunde aus Nachbarländern aus. Zu diesen Freunden gehören auch für uns bekannte große Namen wie z.B. DJ Marky oder XRS. Man ist ja doch Nachbar, man kennt sich schließlich.

Aber da diese großen Namen nicht regelmäßig vorbeischauen, legt DJ Orange auch selbst jeden Dienstag mit auf. Das Endprogramm, je nachdem wie die Stimmung ist, ist entweder hart oder soft, Hauptsache es gefällt den Leuten. „Die Kids laden die neuen Tracks im Internet runter und wollen sie am Liebsten am selben Tag gleich hören. Ich muss dann immer sagen: Ja ich weiß, ich hab ihn bereits bestellt! Die Mailorder aus UK dauert noch… Vermutlich in einer Woche – falls sie überhaupt ankommen. Unsere Post ist wirklich schlecht, manche Onlineshops schicken mir gar nichts mehr.“
„Die Leute wollen regelmäßig etwas Neues hören und ich versuche, in meinem Club allen Arten von Drum'n'Bass Raum zu bieten. Ich denke, ich bin der bekannteste D'n'B DJ Argentiniens, ich war einer der Ersten.“

DJ Orange skizziert die Situation, wo es um 1995 nur ein oder zwei DJs gab, die ab und zu einen Drum'n'Bass Track spielten - kurz darauf kam er. “1997/98 gab es einfach kein Publikum für diese Musikrichtung, niemand wollte Drum'n'Bass hören oder gar dazu tanzen. Mein Kollege DJ Buey und ich gingen 1999 als „Buenos Aires Frente Jungle“ auf Südamerika Tour, um Drum'n'Bass populärer zu machen. Ich arbeite hierfür jeden Tag der Woche – 24/7 – es ist das, wofür ich lebe, es ist das, was ich lebe“.

Das DJ Orange auch auflegen kann, steht außer Frage, denn er zählt gleichzeitig zu den Top5 DJs Argentiniens. Nun spürt man die immer noch vorhanden Kinderschuhe doch deutlich. Denn fragt man nach diesen Top Five fällt es sogar Insidern schwer, überhaupt fünf aktive professionelle Drum'n'Bass DJs in ganz Argentinien zu finden.

Wir haben uns also wieder auf die Suche begeben und sind in Mendoza, knappe 20 Stunden von Buenos Aires entfernt, in der Nähe Chiles fündig geworden. „Ich bin hier der einzige D'n'B DJ“, so DJ Uter, ein Pionier dieses Genres. „Ich war der Erste, der darüber geredet hat, der Erste, der Drum'n'Bass hier auflegte und der Erste, der anfing, es hier zu pushen“, beschreibt er die Situation Mendozas. Mittlerweile gibt es eine Handvoll Produzenten, die sich auch an Drum'n'Bass versuchen. Hier in Mendoza wird stark und wild gemixt. Unter anderem versucht sich das Duo Fauna der IDM Producers Cater_sys und Color Kit mit Drum'n'Bass- Mixes des bei uns nahezu unbekannten Musikgenres Cumbia Villera, was ebenfalls eine Mischung aus kolumbianischen Cumbia und Reggae ist.

Cumbia Villera versteht sich selbst als Sprachrohr der Ghettos von Buenos Aires und das Duo ist mit diesen Mixen – relativ gesehen zur Szenegröße - sehr erfolgreich. Wer sich also Tango Mixes aus Argentinien erwartet, sollte erstmal selbst seine Mozart und Wagner D'n'B Mixes suchen.
“Es gibt abseits von Gotan Project kaum gute Vermischungen von Tango mit elektronischer Musik, die meisten sind nur für Touristen und einfach nur schlecht”, so DJ Uter.

DJ Uter selbst war mit knappen 15 anderen Artists Teil des Drum'n'Bass vs. Jazz Live Act-Projektes “Da Gruv”. Sie spielten auf Partys in Argentinien und Chile. Seit sich dieses Projekt aufgelöst hat, veranstaltet er zusammen mit seiner Crew „Pearlamarina“ regelmäßig Events unter dem Namen “Drum'n'Bass Army” in Mendoza und Umgebung. Wer also Richtung Chile unterwegs ist, sollte definitiv einen Stopp für die Partys in Mendoza machen.

Die Verwebung mit Chile geht einige Schritte weiter als man annehmen würde, wenn man einen typischen Argentinier über Chilenen schimpfen hört. Denn MCs werden in Argentinien fast immer aus Chiles HipHop Szene ausgeborgt. Die chilenische Drum'n'Bass Szene ist ebenfalls noch jung, sie ist noch im Aufbau begriffen. Kaum besser geht es den Drum'n'Bass Szenen der anderen argentinischen Nachbarländern. Es gibt ein paar bekanntere Producer in Paraguay, Nichts in Bolivien und in Uruguay, laut DJ Orange, einen aktiven Drum'n'Bass DJ. „Er ist dort allein. Wirklich allein... Manchmal fahr ich rüber und spiel mit ihm auf Partys.

Die Sonne strahlt einzig und allein in Brasilien. „Brasilien hat eine eigene Geschichte des Drum'n'Bass von über 15 Jahren“ erzählt DJ Orange. Davon haben aber die anderen südamerikanischen Länder nur wenig, denn es fehlt die nötige enge Zusammenarbeit mit Brasilien. Man beginnt gerade erst, sich untereinander zu vernetzen.

„Ich hoffe, alle lateinamerikanischen D'n'B Szenen wachsen gemeinsam, wir können uns Flugkosten von guten Artists aus Europa teilen und ihnen Touren durch ganz Südamerika anbieten. Daher bin ich auch im täglichen Kontakt mit den wichtigsten Crews in Südamerika. Der Markt ist definitiv da, die Leute lieben unsere Feste“.

Drum'n'Bass boomt wie sonst kaum etwas in Argentinien, jede Feier ist größer als die zuvor, jeden Tag hören mehr Leute davon. Es kommen mehr und mehr gute ausländische DJs. Argentinien steht am Anfang der Drum'n'Bass Geschichte und die ansässigen Leute schreiben ihre eigene Zukunft. „Wir arbeiten hier hart, um Drum'n'Bass voran zu bringen. Ich persönlich denke, dass wir in 5 Jahren soweit sind, wie Europa heute“ blickt DJ Uter aus Mendoza, Argentinien, visionär in die Zukunft. Ob dieser mutige Vergleich mit Europa überhaupt notwendig ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir von resident hoffen, mehr aus diesen südamerikanischen Ländern zu hören und schicken diese Ausgabe des Magazins via Eilboten nach Argentinien.


DJ: Bad Boy Orange

Name:     Eduardo La Forgia
Geboren:   30.10.1977 in Buenos Aires
DJ seit:   1996
Auftritte mit:   Goldie, Roni Size, Grooverider, Bryan Gee, Marky
Erste Platte:   Goldie - Timeless
Aktuelle Lieblingsplatte:   In Love, Chase and Status feat. Jenna G

DJ: Matias Leceta

Geboren am:     01.05.1981 in Mendoza
DJ seit:   2000
Auftritte mit:   DJ Marky, Bryan Gee, Patife, 2 Many DJs, Person, and all D&B DJs from Argentina, Chile, Honduras, etc.
Auftritte 2005:   ca. 30
Erste Platte:   Everything But The Girl vs Drum & Bass (Atlantic Records)
Aktuelle Lieblingsplatte:   Martyn - I Wonder Why (Play:Musik)

Club: mas160, +160 Drum & Bass Suite

Feste bisher:     180
Eintrittspreis:   U$D 5,-
Besucheranzahl:   ca. 500
Bekannte Guest-Acts:   Grooverider, Bryan Gee, DJ. Marky.
Preis eines Bieres:   U$D 1,75

Club: drumandbass army

Feste bisher:     ca. 15
Besucheranzahl:   ca. 150
Bekannte Guest-Acts:   Bad Boy Orange, Codekat, DJ Roach, DJ Fat Pablo, DJ Blacksoul, Morgan Audio, nUcKLeAr, etc.
Preis eines Bieres:   U$D 1

Text: ak
Der Text erschien im resident [3] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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