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Die Geschichte von Drum'n'Bass in München - Ein Feature von DJ Tobestar


Frühjahr 2004, das lang ersehnte Grün kehrt endlich wieder auch außerhalb kleiner wiederverschließbarer Plastiktütchen in die Natur zurück, die Danger Posse lädt zum ersten Spring-Break ein, LTJ Bukem schaut wieder vorbei und die Flip Flops stehen bereit: München ist ready für einen weiteren Partysummer, wie auch im Jahr zuvor, ist doch klar!! Doch wie war das eigentlich ganz am Anfang, als Drum and Bass noch „Jungle Tekno“ oder „Hardcore“ hieß und in München noch niemand was von Bad Company, High Contrast, Liquid Funk oder Two-Step gehört hatte, damals, im Jahre 1991. Ich denke zurück und versuche mich zu erinnern:

In diesem Jahr 1991 explodierte überall in Deutschland eine Bombe, deren Schockwelle die gesamte Gesellschaft und Jugendkultur in den folgenden Jahren maßgeblich beeinflussen sollte: Techno. Techno war zu der Zeit mehr als ein neuer Musikstil, es war ein Phänomen, eine Revolution; Menschen aller Farben und Altersgruppen rotteten sich überall in Europa in leeren Hallen, Garagen oder auf Feldern und Parkplätzen zusammen um sich nächtelang einer völlig neuen, hypnotisierenden Art von Musik hinzugeben.

Das Münchner Nachtleben war zu dieser Zeit relativ übersichtlich strukturiert: Läden wie das Parkcafe (damals eine zeitlang richtig geil), das P1 (wie nett im Vergleich zu heute), Größenwahn (DJ Hells homebase), Babalu, den Sollner/Grünwalder/Pullacher/Starnberger - Treff, das "Roses" oder auch "One hit wonders" wie das Vertigo zogen die Leute an. Mit Beginn von Techno begann die Ära der Raves: das erste überdimensionale Partygelände wurde auf dem alten Flughafen Riem eröffnet.

Für den Plattenennachschub sorgten in München Boy Records (der aber 1992 zumachte), WOM, Saturn Hansa (Riesen-selection aber keiner hatte dort eine Ahnung), Optimal und der "Recordstore" von DJ Tommy (aka Tom Novy). Die local DJs Münchens waren Tommy, DJ Olaf, Hell, Dirk, Felix, Uwe, Woody (der seine ersten DJ-Versuche im Recordstore unternahm), DJ Markus (Parkcafe) sowie die Disko B Posse um DJ Upstart (dem Macher von Ultraworld bzw. dann dem Ultraschall Club) sowie zahlreicher weiterer (Tomahawk, Good Groove, Felix Houzer,...)

Nach ca. einem Jahr blinden Rave-Wahnsinns kristallisierten sich langsam einzelne Spielarten und Stile heraus: Acid, Trance, Gabber...
Zu der Zeit verlor ich nach und nach das Interesse an der geraden 909, den Rimshots, Claps und 303-Lines denn es gab da auch Tracks mit ultraschnellen HipHop-Loops, tiefsten Bässen und den abgefahrensten Vocalsamples: und genau das war es, was ich wollte!!! Ich hatte es endlich gefunden!
Wir hatten gelernt, im Recordstore gezielt nach solchen Platten aus England zu fragen, nach so genannten "Breakbeats".
Man muss dazu sagen, es gab damals keine wirkliche Fangemeinde für diese Unterart des Techno in München. Man wurde immer von der klassischen Techno Gemeinde belächelt, die Breakbeats als "cheesy" oder zu "krass" aburteilten (eigentlich wie heute).

Ich hatte mich damals mit meinem mate Felix Houzer zu "Juice Massive" zusammen geschlossen. Wir wollten ähnlich wie die Jungs vom milk! in Mannheim (Bassface Sascha und Groover Klein) auf Parties in München auftreten.
Ein großer Helfer war zu der Zeit DJ Upstart, dem Macher des Optimal [1] Plattenladens (und Ultraschall, Disko B); er zeigte sich dem Sound aufgeschlossen (bestellte extra Platten für uns von dem ersten Breakbeatvertrieb in Deutschland "NTT") und organisierte am 05. Juni 1992, noch vor der Eröffnung des ersten Ultraschall Clubs, eine Ultraworld Breakbeat-Party in der Charterhalle (Riem); DJs an dem Abend waren Triple R und Bleed, Tobestar, Felix Houzer (Juice Massive) und Alec Empire live on stage. Es war der erste reine Breakbeat-Abend in München und es war der Wahnsinn (Alec Empire mit "Hetzjagd auf Nazis" oder "DJ fraternity" - booooyahhh!). An diesem Abend lernte ich auch einen gewissen Flo-Ryan Meyer kennen, der sich auch als bekennender Breakbeat Hardcore-Fan outete.

In der Zeit danach organisierten wir als Juice Massive noch ein paar Parties im Starnberger Oberland ("Rag Bull") bei denen wir Techno und Breakbeat Sound mischten.

1993
eröffnete das erste Delirium München unter der Leitung von DJ Olaf und Marc Deiniger (heute Erste Liga).
Felix Houzer und ich bekamen die Chance, dort zu arbeiten. Über das Delirium kam der Kontakt zu den Jungs von "State of Riot" zustande, einer Crew aus Moosach die sich ebenfalls dem UK Hardcore verschrieben hatte und die im April 1993 einen eigenen Abend im "Backstage" starteten.
Zu dieser Zeit verließ Felix Houzer leider "Juice Massive" und ich schloss mich kurz danach dem SOR-Collective an (DJ Empee, C'Can & Joko).
Es folgte der erste regelmäßige Breakbeat-Allnighter, der bis Herbst 1994 im Backstage seine Heimat hatte. Gäste damals waren z.B. DJ Rescue, Kuba, Pirate, Noxious und die Jungs von Slammin Vinyl - DJ Red Alert und Mike Slammer.
Anfang 1995 verließ man das Backstage. Eine neue Location musste her. Diese fand man übergangsweise im "Tokyo Club" am Sendlinger Tor (früher "New York").

Zu dieser Zeit hatte der Abschied vom alten "Breakbeat Hardcore"-Sound bereits stattgefunden: "Jungle-Drum'n'Bass" war nun die neue Formel - die stampfenden Bassdrums und Pianos hatten sich endgültig in die Schublade "Happy Hardcore" verabschiedet.
General Levy erzählte dies dann auch tausenden von Kids auf MTV - einfach "incredible". Somit war es auch kein Wunder, dass wir auf zahlreichen Großraves am Riemer Flughafen nun plötzlich die Chance hatten, in einer eigenen Jungle-Area zu spielen.
Und, welch Wunder, es kam sogar soweit, dass wir dort zusammen mit Leuten Wie DJ Hype, Ray Keith und Grooverider rinsten (Nightmove, Rave City). Ich weiß noch, wie ich mich lächerlich machte, als ich Hype auf der Bühne beim Auflegen gefragt habe, was für ein Label "Music House" eigentlich sei, ich hätte das noch nie gesehen! ;-)

Nun ja, wir lernten dazu und so beschlossen wir, unsere neue Veranstaltungsreihe "Presha" im Tokyo Club auch mit internationalen Gästen zu bereichern. Ich rief damals im Metalheadz Office an und bekam eine gewisse Jayne ans Telefon (besser bekannt als Storm). Sie gab mir Doc Scotts Privatnummer und wenige Wochen später spielte der "Last Action Hero" zum ersten mal in München (vor 80 Leuten, by the way). Es folgten die Legenden Bizzy B & TDK, DJ Tango und Aphrodite. Letzterer versoff seine ganze Gage wieder mit uns im Anschluss der Party in der Afterhour im Ultraschall!
Leider blieb die Resonanz im Presha Club relativ gering, so dass das Projekt nach einigen Monaten wieder aufgegeben wurde.

Unser Mann Ryan belebte das 1995 Pleite gegangene Delirium zusammen mit Chris de Luca (Funkstörung) und Flo Pop (Trepan Beats, heute SellWell) im Jahre 1996 mit neuem Leben.
State of Riot beschloss, zusammen mit diesen Jungs gemeinsam etwas Neues auf die Beine zu stellen, nämlich "Southern Sessions [2]". In der Zeit 1996/1997 begannen wir unter neuem Namen mit einzelnen Events in verschiedenen Locations wie z. B. Muffathalle (Moving Shadow Label Night), Ultraschall (No U Turn-night) bzw. im "Grünen Raum".

Die Danger Crew [3] um Kuba, Dominik, Jennie, etc. erschien mit einem Bang auf dem Plan und etablierte im Stromlinienclub die Danger Clubnacht. Auch hier kam es zu spektakulären Bookings wie z. B. DJ SS.
Auch interessant war die Party von Oschi (DJ Oscar) im Parkcafe mit Wax Doctor, Goldie oder Grooverider (?) (ich bekomme das Line Up nicht mehr zusammen, sorry).

Die Szene wurde unaufhaltsam immer größer, auch wenn es nach wie vor schwierig blieb, etwas Funktionierendes auf regelmäßiger Basis zu etablieren. Die "AmDamDes-Posse" um Mani Ameri und Marc Deininger müssen hier ebenfalls erwähnt werden: Sie veranstalteten in der "Mandarin Lounge", einem süßen "Wohnungsclub" in der Herzospitalstraße, jeden Donnerstag eine Mischung aus Downtempo, Breaks und Drum and Bass (residents und Gäste hier: Peabird, Michael Reinboth, Theo Tönnessen, Mettke & Kammerl, Ryan, Tobestar, Doc Scott, Peshay, Alex Reece, Wax Doctor, ... zu viele).
Die Veranstalter von "Into Something" bereichern zusätzlich zu der Zeit den Freitag Abend in der Muffathalle mit einem Crossover aus Drum and Bass, Jazz und trallalla (Ihr wisst was ich meine).

Nun ja, ab hier beginnt der neuere Verlauf der Zeitgeschichte: es folgten legendäre Events wie "Southern Session's Bristol Bass" (einer Party, die die Anwesenheit von Roni Size, DJ Krust, Brian Gee und MC Dynamite ermöglichte).
Die Danger Crew rockte regelmäßig das Ultraschall mit Gästen wie John B oder Doc Scott.

Die Partysanen schufen im Sommer 1996 ihr eigenes "Party-Vietnam" bei Regensburg mit dem Rave "Sunflower": Die ganze Party versank im Schlamm und es gab nur zwei statt acht Areas: Allerdings spielte in dem einen Zelt die gesamte Drum'n'Bass Area; und das Line Up hatte es in sich: LTJ Bukem, MC Conrad, Blame, Hype, Zinc, Jumpin Jack Frost.

Ende 1997 begann die Ära "Big Up" in der Muffathalle, ein Konzept von Big Beat und Drum&Bass, abwechselnd abgehalten von Mathias Modica/Jonas Imberry (heute GOMMA Records) und Southern Sessions, was zwei Jahre fett gerockt hat.

Weitere Aktivisten und Crews begannen mit ihrer Arbeit und schufen die Vielfalt, die heute in München herrscht: Proton [4] - mittlerweile einer der bedeutensten Clubnächte in München, Danger - unsere Guerilla-Party-Freunde, Balestra Beats, Southern Sessions, Deftek, Minga Dynasty, Urban Guerillas, Millenium Beatz Foundation, Bashment Formation... es geht einiges!
So watch the future!

So in etwa habe ich den Verlauf in Erinnerung. Natürlich sind da noch einige Leute zu erwähnen, die für Münchens Drum'n'Bass eine Rolle gespielt haben, aber das sprengt dann echt den Rahmen. Und alles krieg ich alleine sowieso nicht mehr zusammen.

Text: DJ Tobestar [5] (Mai 2004)

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Links:
   [1] http://www.echtoptimal.de/
   [2] http://www.southernsessions.de/
   [3] http://www.dangercrew.com/
   [4] http://www.proton-breakz.de/
   [5] http://www.tobestar.com



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