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Goldie
"UK Drum'n'Bass right in your face" (KRS One in "Digital")



Eigentlich bedarf es keiner langen Worte, um den Mann vorzustellen, der seit Anfang der Neunziger die Personifizierung von Drum´n´Bass innerhalb der Medien darstellte, wie kein Zweiter. Selbst, wer die Überschrift übersehen hat, weiß spätestens jetzt von wem die Rede ist: Goldie. Aber was genau steckt hinter dem Mann mit den elf goldenen Zähnen im Mund, wie sah seine Entwicklung zum ersten Breakbeat-Star aus? Die Suche nach der ganzen Wahrheit führte durch verregnete Londoner Straßen, die New Yorker HipHop-Szene der 80-er, bis hin zu einem Stapel aus Musikliteratur, Szeneblättchen und Einträgen in Suchmaschinen. Journalistischer Alltag über einen, den nun wirklich jeder hier kennt...

Alles fängt an, in einem kleinen, englischen Kaff namens Walsall in der Nähe von Bristol. 1966 geboren, beschließt ein nicht ganz unbegabter Graffitisprüher, HipHop unter realen Bedingungen, sprich, im Heimatland dieser Kultur, nämlich den USA, zu leben und erleben. Kurzum zieht, ihr ahnt es bereits, Goldie 1989 nach New York. Genauer gesagt, die Süd Bronx. 1989 kehrt der selbst ernannte B-Boy nach England zurück und gerät, nach diversen Cover-Artwork Aufträgen für unter Anderem „Soul 2 Soul“, in den Dunstkreis des Rage Clubs im Londoner „Heaven“. Niemand geringeres als das female DJ-Duo Kemistry & Storm bringen Goldie in Kontakt mit der neuen, seltsamen Hardcore/Jungle Musik, die zu dieser Zeit von DJs wie Fabio, Grooverider oder Doc Scott gespielt und produziert wird. Die Arbeitsweise mit Breakbeats, Bassläufen und Samplern, die diese Produzenten an den Tag legen, beeindrucken Goldie derart, dass er erste Produktionsversuche unternimmt. Seine erste Veröffentlichung „Kellermuffin ep“, erscheint mit mäßigem Erfolg bei dem bereits zu dieser Zeit recht einflussreichen Label Reinforced, für welches Goldie in dieser Zeit auch einige Coverentwürfe fertigt.

1993 nimmt Goldie das Pseudonym „Metalheadz“ an, unter welchem er das Stück „Terminator“ herausbringt und mit dem er sämtliche folgenden Hardcore-Releases nachhaltig beeinflusst. Als erster Drum´n´Bass-Produzent benutzt er bei diesem Track die Technik des Time-Stretching, die es ermöglicht, Samples in ihrer Länge und Geschwindigkeit zu verändern, ohne die Tonhöhe zu manipulieren. Die bis dato Micky-Maus-artigen Vocalsamples und nach Fast-Forward-abgespielt klingenden Drumbreaks werden ersetzt, durch authentische, organische Sampleloops. In der folgenden Zeit veröffentlicht Goldie, zuweilen unter seinem Pseudonym „Rufige Cru“, unter anderem auf den Labels „Moving Shadow“ und „Reinforced“.

Im November 1994 erscheint Goldies (aka Metalheadz) Debut-Album „Timeless“ auf London Records und klettert bis auf Platz 7 der britischen Charts. Durch die Stimme der Sängerin Dianne Charlemagne (kennt die noch jemand vom „Urban Cookie Collective“?) bekommt Drum´n´Bass zum ersten Mal einen Touch von Soul und Jazz und die Singleauskopplung „Inner City Life“ rotiert auf allen Kanälen – inklusive MTV. Der Weg für den Sprung vom Underground zum Mainstream ist geebnet – auch Dank hilfreicher Produzenten wie Rob Playford oder Dillinja, die Goldie bei „Timeless“ weitaus mehr als zur Seite standen. Das Album erhält nach und nach eine nicht unbedeutende Anzahl an musikalischen Awards.

Das Pseudonym „Metalheadz“ wird zu Goldies eigenem Label und zeitweise zum Synonym einer Musik, die längst nicht mehr als Jungle oder Hardcore eingestuft werden kann – und von Seiten des dental vergoldeten Protagonisten der Szene auch nicht mehr will. Er selbst bevorzugt den reichlich konstruiert klingenden Begriff „ Inner-City Ghetto Music“ . Goldie erscheint auf unzähligen Titelseiten und wird quasi zur „Galionsfigur“ der ungeraden Beats. Medienmäßig auch gestärkt durch seine Beziehung zur isländischen Ex-Sugarcubes-Sängerin und mittlerweile recht angesagten Solokünstlerin Björk, um deren Gunst er sich, so heißt es, eine öffentliche Schlägerei mit TripHop Produzent Tricky geliefert haben soll. Es folgen verschiedene Filmauftritte, unter anderem als Bösewicht bei „James Bond“ und in dem englischen Film „Everybody loves sunshine“.

Am zweiten Februar 1998 erscheint Goldies zweites Album „Saturnz Return“, mit dem eigentlich niemand mehr so wirklich gerechnet hatte – war es doch produktionstechnisch ruhig geworden um ihn in der letzten Zeit. Nicht wirklich mit Lob überschüttet wird das lang erwartete Werk, dessen Singles Digital (eine Kooperation mit dem amerikanischen Rapper KRS One), Temper Temper (mit Oberproll und Oasis Chef Noel Gallagher an der Gitarre), sowie Believe (einer eher banalen Nummer) zwar, Dank Majordeals, via Musikvideo über die Mattscheibe scheppern, aber dennoch eher Seltenheitswert in den Plattenkisten der DJs erlangen. Das über einstündige Epos „Mother“ sorgt in der Szene nur noch für verständnisloses Kopfschütteln. Gleichzeitig zeigt gerade dieses Stück die musikalische Vielschichtigkeit Goldies. Auch die Nachfolge ep „Ring of Saturn“ geht eher unter, ist Goldies Stil doch zu „eigen“ im Rahmen des aktuellen Drum´n´Bass Sounds. Über die qualitative Frage besagter Platten ließe sich streiten, nicht allerdings über die fehlenden Produktionserfahrungen Rob Playfords, von dem Goldie sich kurz vor „Saturnz Return“ getrennt hatte.

War es danach wieder einmal längere Zeit ruhiger um Goldie und sein Metalheadz-Label, sorgt dieses im Jahr 2001 wieder für vermehrtes Aufsehen. Die aktuelle „Rufige Cru“ ist in aller Munde (und Plattencase), Marcus Intalex, Total Cience und John B veröffentlichten dort gerade erst neue Stücke und wer weiß, was die Zeit noch bringen wird. Selbstverständlich lässt sich an Goldies DJ-Fähigkeiten sowie seinen Produktionen auch zweifeln. Dennoch handelt es sich bei dem Mittdreißiger um eine, wenn nicht sogar die Ikone der Drum´n´Bass Szene. Goldie gab Drum´n´Bass etwas, das jede Musikrichtung, jede Jugendkultur benötigt, will sie Außenstehende erreichen. Nämlich ein Gesicht. Was wäre Britpop ohne Blur, Deutscher Techno ohne Sven Väth? Womit verbinden wir Filtertüten, wenn nicht mit dem Melitta-Mann oder Viva 2, wenn nicht mit Charlotte Roche (zumindest die Jungs unter uns)?! Das Thema, was die Protagonisten einer Szene wirklich ausmacht ist ein leidiges. Ob nun DJ-Skills im Sinne handwerklichen Könnens, oder aber die Fähigkeit, eine Sache professionell zu pushen, ist und bleibt eine undefinierte Sache und von Einstellung zu Einstellung verschieden. Ein sauberer Mix macht noch lange kein gutes Set aus (Stichwort Arrangement, Reaktion auf das Publikum etc...), ebenso wenig hat eine Szene davon, wenn die Akteure zeitlebens anonym bleiben und ausschließlich im Untergrund agieren, schließlich will man davon auch leben können. Und eben dies hat Goldies Engagement nicht nur ihm selbst, sondern auch einer großen Zahl internationaler DJs, Produzenten und Booker ermöglicht.

Text: Feindsoul (drumandbass.de) (Mai 2001)
Der Text erschien im Mai 2001 im Breakbeat Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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