Who stole the Soul?
1998 war für Drum & Bass ein Jahr, in dem vieles möglich wurde,
aber nur weniges begeisterte: bessere Sounds zwar, eine gezieltere Vermarktung,
aber immer berechenbarere Tracks.
Drum & Bass klang nach nie so gut wie in '98. Die Beats splittern mit einer
Brillianz, daß einem angst und bange wird, treffen den Solar Plexus mit
einem Punch, der dir den Atem raubt. Dazu hoovem Baulines, die dem Beben von Kobe
Konkurrenz machen und Tieftoner mit der Präzision von Cruise Missiles zerstören.
Die teilten Abfallprodukte aus Raumfahrt und Atomphysik sind fest ins Sounddesign
integriert; Drum & Bass steppt technisch auf höchstem Niveau.
Trotzdem hielt sich die Begeisterung dieses Jahr deutlich in Grenzen und das hatte
nicht allein damit zu tun, daß der Hype vom vorletzten Jahr immer alt aussieht.
Die durchschnittliche 12-Inch ist mittlerweile so berechenbar, dass man sich fragen
muß, was Drum & Bass noch von 1001 anderen Rave-Musiken unterscheidet.
Auf das DJ-freundliche Intro folgt nach zwei Minuten der obligatorische Break,
dann wird für anderthalb Sekunden die Luft angehallen, bis die Bassline das
Dach abdeckt.
Natürlich gibt es nach wie vor Platten, die dies so genial tun, dass es wieder
in einem Whirlpool voller Giückshormone wirft, und natürlich sind funktionale
Dj-Tools immer gut und wichtig. Dabei kommt nicht unbedingt immer die beste weil
neueste und spannendste Musik rum. Und läßt man den Höher-schneller-futuristischer-Quatsch
mal an der Videospielkonsole/ PC, wo er hingehört, und fragt sich, wie deep
Drum & Bass dieser Tage ist, muß man sagen: höchstens knietief
(um mit George Clinton zu sprechen). Bestes Beispiel war die Grooverider Tour
im Auftrag von Hugo Boss. In Köln versammelten sich zu diesem Anlaß
500 "V.I.P.-Paß"-Träger in einer "Ringdisco" (Ring
= Kölns Mainstream-Amüsiermeile), um mehr oder minder unmotiviert zu
einem ebenso schalen Fließband-Set zu schwofen, das jazzy startete und seinen
Höhepunkt in einem "Brand New Funk-(Adam F)-in-Bambaataa (Shy FX)-Mix"
fand. Selten zuvor habe ich Drum’n’Bass weniger gefühlt.
1998 war das Jahr, in dem Masters-At-Work-Remixe manchmal mehr Soul hatten als
die Drum&Bass-Originale. Ob das nun an zuviel Koks, zu großen Egos oder
übertriebenen Erwartungshaltungen lag, vermag ich nicht zu sagen. Gesprochen
wird darüber - zumindest Szeneintern - nicht.
Daß das Goldie-Album einfach daneben war und Grooverider der lediglich einen
Kessel Buntes mit okayen Floor-Tracks und jeder Menge Grütze abgeliefert
hat, traut sich in und um London niemand laut zu sagen. Allein 4 Hero gaben zu
Protokoll, daß sie in '98 nichts weniger inspiriert hat als Drum & Bass.
Kein Zufall, daß Mark und Dego mit "Two Pages" das einzige echte
Album am Start hatten.
Daneben hat sich als Standard die 5er-Vinyi-Box mit 10 Tracks für den Floor
durchgesetzt, was nicht nur verdammt teuer und schwer zu schleppen ist, sondern
meist auch noch diverse Füller featured. Außnahmen wir Origin Unknow
"Sounds In Motion" (Ram) - oder Ed Rush & Optical - "Wormwhole"
(Virus) blieben genau dies. Wieso, weshalb, warum überhaupt Alben steht nicht
zur Diskussion. Photek raffte sich zu einer Remix-plus-alte-Nummern-Compilation
auf, und Peshay verpaßte den richtigen Zeitpunkt und hat immer noch keinen
Release Termin. Ansonsten warten wir weiter auf das Krust-Album fiir Talkin Loud,
die der einzige Major mit dem richtigen Händchen für Drum & Bass
bleiben.
Abseits beliebt und nach wie vor so indie wie erfolgreich blieb Bukem mit "Good
Looking", während sich diverse andere Labels selbst in Aus manövrierten.
Vorneweg No U-Turn, die ihren Kredit komplett verspielten. Aber auch Metalheadz
waren nicht eben frisch, von gehypten Eintagsfliegen wie Valve und Pain von Dillinja
und Lemon D ganz zu schweigen.
Wirklich interessante Neugründungen gab es keine, wobei man sich fragen muss,
welche neuen Talente sie hätten featuren sollen. Neue, eigene Standards setzten
eh nur Optical und Matrix, und deren Durchmarsch stand schon '97 fest. Das Potential
wie Personal von Drum & Bass scheint derzeit eher begrenzt.
Der internationale Durchbrach hat - auch wegen der extrem protektionistischen
Haltung der Londoner Szene - nicht stattgefunden. Auflegen und lizenzieren tut
man gerne und weltweit, ansonsten werden die Schotten dicht gehalten.
Die nach wie vor emsige wie mäßig erfolgreiche deutsche Szene kann
ein Lied davon singen, obwohl sie im internationalen Vergleich bislang die einzig
ernstzunehmende Diaspora bildet.
Text: Oliver von Felbert (1998)
Der Text erschien 1998 im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher
Weise zur Verfügung gestellt. URL dieses Dokuments:
http://www.future-music.net/stage/features/1998-12_jahresrueckblick/