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Drum & Bass Jahresrückblick 1996


Apocalypse Now!
Wie Drum'n'Bass vom Weichspülbad in den Long Dark Tunnel tauchte.


Auf welche Weise sich Jungle/Drum'n'Bass im vergangenen Jahr von Quantensprung zu Quantensprung warpte, noch ausgefuchster und ausdifferenzierter wurde und in x Unterabteilungen von Techstep bis Drum'n'Bass für schräge Väter wie Plug und Squarepusher ausfranste, mag ich hier nicht noch einmal runterbeten.

Mindestens genauso interessant war es zu beobachten, wo Drum'n'Bass neue Freunde fand, zu welchen Missverständnissen und nicht immer ganz heiligen Koalitionen es dabei kam. Von einem auf den anderen Tag war die Musik plötzlich im Club- und Kneipenalltag angekommen. Drum'n'Bass wurde zum neuen Ziersound für Queerbeet DJs, die das echt eklektizistisch fanden, jazzy Jungle löste in der zweiten Jahreshälfte Easy Listening als die angesagte Cafe-Beschallung ab, und experimentierende House-DJs pitchten ihre D'n'B-Sets bei minus vier Prozent ein.

Sehr beliebt war das Statement, Jungle/Drum'n'Bass sei jetzt "total kommerziell geworden", habe "den Durchbruch geschafft", weil die "Sportschau" ihren Trailer mit 160 bpm ausrollt. Doch egal wie ungelenk bis bescheuert die Präsentation von Drum'n'Bass in hiesigen Zusammenhängen zum Teil auch war, so ist die Einführungsphase inzwischen abgeschlossen. Man kann die Musik ohne größere Probleme in jedem halbwegs anständigen Club spielen, und es ist immer wieder ein Kick zu sehen, wie der erste Tune manchmal in Sekundenschnelle die Party anknipst. Die Leute warten förmlich darauf, und das ist natürlich klasse. Dabei ist die Rezeption selbstverständlich eine andere als in London. Sieht man von den Rave-Profis aus dem Rhein-Main-Gebiet (wo Sechzehnjährige ihre Dubplate-Favoriten mit Hilfe von Meditation-und Future-Rave-Mitschnitten checken) und der Berliner Szene (wo es an jedem Tag der Woche einen D'n'B-Keller im vierten Hinterhof gibt) ab, ist der allgemeine Informationsfluß in Sachen Breaks und Basslines eher dürftig.

Es braucht seine Zeit, bis der neueste Londoner Prototyp auch im bundesdeutschen Cluballtag zündet. Besonders deutlich wurde dies 1996 mit der allgegenwärtigen maßgeblich von No U-Turn, Grooverider und Doc Scott initiierten Techstep-Explosion. Hier wurde die dunkle Seite der Musik ins Zentrum gestellt, immer bemüht, ans Ende des „long dark tunnel“ zu gelangen.

  Wildstyle Top 20
1. Photek - The Hidden Camera EP (Science)
2. Nasty Habits - Shadowboxing (31 Records)
3. Danny Breakz - Droppin' Science Vol.8
4. Dillinja - Threshold (Prototype)
5. Adam F - Metropolis (Metalheadz)
6. Hidden Agenda - Dispatches 1&2 (Metalheadz)
7. Roni Size - Days (V Recordings)
8. Ed Rush, ... - Mad Different Methods (No U-Turn)
9. Ed Rush & Nico - Mothership (No U-Tum)
10. Deep Blue & Blame Re/Transitions (Moving Sh.)
11. Dom & Roland - Dynamics (Moving Shadow)
12. Lemon D - Going Gets Tuff (Prototype)
13. Dillinja - Armoured D (Metalheadz)
14. DJ Hype - Love, Peace & Unity (True Playaz)
15. DJ Krust - Flava EP (V Recordings)
16. Blame - Neptune (Moving Shadow)
17. ED Rush - Skylab EP (Metalheadz)
18. ED Rush - Killamanjaro (Prototype)
19. Arcon 2 - Liquid Earth (Reinforced)
20. DJ Die - Stoned Groove (Full Cycle)

Zusammengestellt von Bass Dee, Dagmar,
Lars Vegas, Metro, Nico, Olski
Während der Stoff in England weggeht wie warme Semmeln, zeigt sich die hiesige Crowd oft irritiert, wenn man sie zu früh am Abend mit „Mothership“ (Ed Rush, Nico) oder „Shadowboxing“ (Doc Scott) konfrontiert - was nur allzu gut nachvollziehbar ist: Die Musik von Ed Rush, Trace, Nico, Fierce oder auch Doc Scott, Dillinja und Arcon 2 ist erst einmal das Gegenteil von upliftend. Ihre Breaks, Sounds und vor allem Basslines tun alles, um eine Atmosphäre von Bedrohung, Paranoia und Horror zu erzeugen (was viel, aber nicht ausschließlich mit dem individuellen Lebensstil und Drogenkonsum der jeweiligen Producer zu tun hat). Die Behauptung, daß die Musik deshalb im Club oder anderswo für schlechte Stimmung sorgt, ist Quatsch. Hat man sie erstmal gecheckt, wirft man wie selbstverständlich die Arme in die Luft und will gerade dann den Rewind, wenn's am schlimmsten ist (also der Bassterror seinen Höhepunkt erreicht).

Es mag neu sein, sich zu einem derart darken Sound gut zu fühlen, doch widersprüchlich ist das ganz sicher nicht. Als ich zum ersten Mal „Planet Rock“ oder Acid House gehört habe, fand ich das auch nicht gerade schön. Trotzdem wollte ich unbedingt mehr davon haben. Und ein Ende von Darkness ist auch im gerade beginnenden Jahr nicht zu erwarten. Der Reece-Bass mag erstmal ausgereizt sein, doch zeichnet sich in den neuen Stücken von Ed Rush und Nico, ähnlich wie bei Dillinja und Lemon D, ein bitterböser Funk ab, der uns noch das Fürchten lehren wird.

Text: Oliver von Felbert (1996)
Der Text erschien 1996 im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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