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No U-Turn - Five O'Clock Breakbeat


No-U-Turn/Saigon ist ein ausgesprochen nettes Jungle-Label. In einem Warehouse-Komplex an der Eastman Road in London W3 hat sich Labelchef, Engineer und Producer Nico in einem 60-qm-Mni-Loft seine Kombination aus Studio, Büro und Wohnzimmer eingerichtet. Die Wände zieren zwei riesige Scifi-Pieces und eine großzügige Fensterfront gibt den weiten Blick über die Vorstadt frei. Wenn dort allabendlich die Sonne den Horizont küßt (will sagen: die Aussicht ist wirklich fantastisch), laufen DJs wie Ed Rush oder Dom & Roland mit einem Stapel Platten unter dem Arm und den Kopf voller Ideen von Beats und Basslines ein und lassen sich von Nico in langen Sessions einen Tune daraus schneidern. Ist genug Geld zusammen, wird eine 1.000er Auflage gepresst und der Verkaufserlös fifty-fifty zwischen DJ und Engineer aufgeteilt.

No U-Turn/Saigon ist sozusagen ein Jungle-Label im Urzustand. Als ich Nico vor einem guten Jahr zusammen mit Sascha Kösch zum ersten Mal besuchte, verbrachten wir einen halben Tag gemütlich damit, Tracks zu hören, Joints zu rauchen, Tee und Kaffee zu trinken - und ließen das geplante Interview ein Interview sein. Seitdem schaue ich bei fast jedem Aufenthalt In London für einen langen Nachmittag oder Abend vorbei, und jedes Mal hat Nico einen Haufen neuer Tunes für eine Vorspielsession geladen.

Seit einem halben Jahr kümmert sich Fiona um Vertrieb und Promotion, doch das hat Nicos Prinzip des freien Musizierens bislang nicht weiter tangiert. Dementsprechend niedrig ist auch der bisherige Marktwert des Labels, das unter echten Connaisseuren jedoch viele Freunde hat.

Während auf No U-Turn die tendenziell knalligeren Tracks von Ed Rush, Kane oder Gunshot erscheinen, kommen auf Saigon die schmooveren und experimentelleren Nummern von Dom & Roland oder DJ Unknown Face/NKS raus. Unter Fans des chillig bis jazzigen Drum'n'Bass-Sounds ist "Dats Cool" von DJ Unknown Face/NKS bereits ein Klassiker (und erscheint demnächst noch einmal auf der Kölner Headz-Compilation des Mind-The-Gap-Labels) und der vollfette B-Boy-Track "Guncheck" von Ed Rush (zu dem ein Video existiert, In welchem zum ersten Mal eine Jungle-adäquate Bildsprache gefunden wurde) fand sich in diversen wichtigen Playlists wieder.

Alle 19 bisherigen Veröffentlichungen tragen mehr oder minder deutlich Nicos Handschrift und machen klar, wie soundbestimmend der Input des Engineers bei Jungle-Produktionen ist. Gelernt hat Nico sein Handwerk in diversen Rockstudios und hat - Spitzenanekdote! - unter anderem das erste Terence-Trent-D'Arby-Album mit-engineert. Übrigens weder zu seinem Nachteil, noch zu dem seiner späteren Platten.

Hyperaktiv ist er ständig auf der Suche nach dem nächsten, noch besseren Beat, "jedes Mal wenn ich denke, einen echt guten Tune gemacht zu haben, höre ich irgendeine neue Platte, die noch hundertmal besser ist", meinte Nico schon bei meinem ersten Besuch. Dabei ist er kein Fan von bestimmten Produzenten, sondern sieht die Stärke und Besonderheit von Jungle eher in der Freestyle-beeinflussten und mitunter anarchistischen Produktionsweise: "Ich glaube nicht an den individuellen Producer. Ich glaube auch nicht, dass das die Szene ausmacht. Es geht um einzelne Platten und die können von Leuten ohne jede technische Erfahrung kommen. Die echten Top-Tunes entstehen oft durch einen Zufall oder ein Versehen. Es kann passieren, daß Dillinja einen phantastischen Tune raus bringt und zwei Kids den Beat sampeln, nur einen einzigen Sound verändern und noch etwas viel Fantastischeres daraus machen."

Text: Barbara Wülleweber (1995)
Der Text erschien 1995 im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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