Die Entstehung und Entwicklung von Breakbeat, Jungle, Drum'n'Bass
Was ist Drum'n'Bass? (von Kingsley Marshall)
Was mittlerweile eine komplexe Mischung aus verschiedenen Einflüssen und
Musikstilen darstellt, hatte bescheidene Wurzeln.
Auch wenn sich viele über die Bestimmung der ersten D'n'B Platte uneinig
sind, kann man sagen, dass die Kombination von Lenny Dee's track 'We are ie' und
der Release 'Baz De Conga' auf Perfecto aus dem Jahre 1989 den Stein ins Rollen
brachte. Dieses Werk bestand aus einem Zusammenspiel vieler neuer Ideen und Sounds,
wobei die Verbindung des Saxophon Einsatzes von 'Monkey Say, Monkey Do' mit den
Steel City bleeps und Gospel Vocals besonders hervorzuheben ist.
Der entscheidende Kick jedoch, der die Attitude dieser Musik von nun an widerspiegeln
sollte, brachte mit Sicherheit Steve Bicknells Vermischung dumpfer, rollender
Subbässe mit krachenenden Breakbeats, untermalt von gnadenlosen Synthie Attacken.
Mit der stetig anwachsenden Zahl der Piratensender in London und dem Entstehen
neuer Clubs und Labels, war die Basis dieser neuer Musikform geschaffen.
Obwohl die Labels Mendoza und Reinforced, die im Frühjahr 1990 gegründet
wurden, dieser Musik mit ihren Releases einen eigenen Weg vorhersagten, wurde
diese Musikform bis Ende 1991 immer noch 'back to back' mit anderen Dance-music
Stilen gespielt.
Doch das änderte sich bald: Das Tempo nahm zu und somit wurde der Bruch von
den Ursprüngen - dem (Acid)House - sichtbarer, ebenso die individuellen Styles
der einzelnen Produzenten.
Frischen Wind und einen wichtigen Einschnitt brachte dann das Release 'Psychotronic
EP' von 'Earth Leakage Trip' auf dem gerade gegründeten Label Moving Shadow
und die zunehmend auf den Dancefloor zugeschnittenen Veröffentlichungen,
die vornehmlich durch die Labels Sub Base, Ibiza und Sound Of The Underground
bestimmt waren.
Nebula II's 'Flatliners' verkörperte den 'Darkside' Sound von 92/93. Bedrohliche
und düstere Sounds, inspiriert durch belgischen Techno, wirkten zusammen
mit dem Groove.
Ebenfalls beteiligt an der Evolution dieses Styles in die 'Dark & Moody' Region
war auch Leeroy Smalls Label 'Formation' aus Leicester. Die Geschwindigkeit der
Beats nahm weiter zu - die bpm (beats per minute) erhöhten sich von der Region
um 140 auf bis zu 170!
An Stelle düsterer Elemente wurden mehr und mehr hochgepitchte Sprachsamples
sowie sogenannte 'wall of sound' - Synthieakkorde in die immer schneller werdende
Musik integriert. Ein kritischer Punkt in der Entwicklung von Breakbeat war erreicht.
Denn viele bezeichneten diese Musik als Mickey Mouse sounds und prophezeiten das
baldige Ende des Genres.
Goldies 'Terminator' und ein Whitelabel mit dem Stempel 'Tic Tac Toe' brachten
schließlich den sehr dynamischen und völlig überdrehten Underground
auf ein neues Level: Die Weißpressung beeindruckte mit einer noch nicht
dagewesenen Reife und Goldies Werk überzeugte durch technische Finesse.
Goldies Arbeit bei dem für D'n'B immer zukunftsweisenden Label Reinforced
und sicherlich auch seine legendäre Persönlichkeit und Enthusiasmus
machte ihn zum öffentlichen Aushängeschild der Musik. Er war schließlich
auch der erste Produzent, der bei einem Major (London Records) gesignt wurde.
1993 gründete LTJ Bukem sein Label Good Looking Records. Von dort an gab
es einen Split in der Musik. Auch wenn die Meisten annehmen 'Music' sei das
Pioneer-Werk der mehr musikalischeren Form des D'n'B, so waren es doch LTJ's
frühere Werke 'Demon's Theme' und 'Atlantis', die die Plattform bildeten
für das, was später 'Ambient' oder 'Intelligent' Drum'n'Bass heißen
sollte.
Für was jedoch Bukem Pionierarbeit geleistet hatte, war aber weder 'ambient'
noch 'intelligent', sondern vielmehr eine mehr strukturierte Herangehensweise
an die Produktion, bei der weniger Aufmerksamkeit den perkussiven als viel mehr
den atmosphärischen Elementen gewidmet wurde.
Diese neudefinierte Reife äußerte sich besonders durch die Arbeit von
Rupert Parks (alias Photek). In 1994 wurden zwar schon auf 'Good Looking' sowie
'Certificate 18' Werke von ihm released, doch besonders seine Veröffentlichungen
auf seinem eigenen Label 'Photek Records' bewiesen einen Vorstoß in vorher
noch unbekanntes Terrain. Seine Platten waren anders als alles bisher da gewesene
in diesem Genre: Sub-orbitale Atmosphären gefangen in den Krallen von Parks
unnachahmlichen Beats und umrahmt von spärlich gesäten pulsierenden
Bässen.
1994 war auch das Jahr der ersten Longplayer. Genannt werden muss hier 4 Hero's
'Parallel Universe': Ein abstraktes Doppelalbum, auf dem Vocals und die erstmalige
Zusammenführung von Jazz mit Drum'n'Bass zu hören war. Mark Mac und
Degos technische Skills machten die meisten sprachlos: 70 Minuten vollgepackt
mit mehr frischen Breaks als in den vorhergegangenen 6 Monaten überhaupt
verwendet wurden, sowie neuen Produktionstechniken wie z. B. das Filtern - ein
von da an nicht mehr wegzudenkendes Element der Beat-Programmierung.
Diese Neuentdeckung und Integration des Jazz läutete einen Wendepunkt ein.
Von nun an tauchten Jazz Elemente in einer Reihe von Veröffentlichungen auf.
Vielleicht am auffälligsten bei dem 'Icons' Projekt von Blame & Justice
auf Justice Label 'Modern Urban Jazz', sowie auf D*Note's 'Criminal Justice' Longplayer.
Die Stadt Bristol und der dort geborene Bristol Style beeindruckte zu dieser
Zeit mit dem 'Full Cycle' Label die Jungle Szene. Zusammen mit Bryan Gee's Londoner
Label 'V Recordings' veröffentlichten sie eine Flut von Werken. Künstlern
wie Roni Size, Krust, Die, Flynn & Flora und Bill Riley hatten somit ein
Forum schaffen können, auf dem sie Jazz, Dub und Smokey Trip Hop Elemente
auf eine ganz neue Art und Weise präsentieren konnten.
1995 war das Jahr des 'Techstep'. Auch wenn der Begriff von der Compilation
LP des East-Londons Labels 'Emotif' übernommen wurde, ist es allseits bekannt,
dass DJ Trace, Nico bei No U-Turn, sowie Grooverider mit seinem Label Prototype
mit neuen Sounds ein Revival des in Vergessenheit geratenen Darkside feiern
konnten! Releases wie Blame's 'Planet Neptune'und Source Direct's 'Snake Style'
- auch wenn letzteres mehr auf der technologischen Seite der Bewegung basierte
- beeinflusste die Richtung des Techsteps und die Karrieren einiger Künstler
2 Jahre später.
In 1997 waren mehrere Entwicklungstrends in der jetzt weltweiten Ausbreitung
von Drum'n'Bass erkennbar. Eine zweite Welle des Majorsignings brach an und
es wurden LP's von DJ Krust, 4 Hero, Adam F, Goldie, Source Direct und Dillinja
erwartet, während frisch erschienene Longplayer wie z. B. Photek's 'Modus
Operandi', sowie die Full Cycle Crew Reprazent mit Lobeshymnen überschüttet
wurden. Letztere gewannen 1997 auch den prestige-trächtigen Mercury Music
Award.Auf der anderen Seite waren Labels, wie beispielsweise James Lavelle's
'Mo'Wax', stark daran interessiert D'n'B Produzenten im instrumentelen Hip Hop
Bereich einzubinden und umgekehrt.
Während viele der von Majorlabels gesignten Produzenten/DJ's in den USA sowie
in Japan den Menschen ihre Musik präsentierten, waren in England immer mehr
Clubs und Piratensender diejenigen, 'who spread the word'.
Ab 1998 wurde Drum'n'Bass weiterhin als eine eigenständige Musik betrachtet.
4Hero's '2Pages' zeigte der Welt genau, wohin sich diese Bedroom Produzenten
entwickelten: Musiker ohne Regeln. Von allen großen Namen sind Alben angekündigt
oder veröffentlicht worden. Alle haben entweder bei einem Major unterschrieben
oder auf ihrem eigenen Label genügend finanzielle Sicherheit erlangt -
einen Zeichen dafür, wie stark der Markt inzwischen geworden war.
Als eigenständiges Genre verweilt Drum'n'Bass weiterhin ganz an der Spitze
der technischen und produktionsbezogenen Innovation, während die ständige
Dynamik der Musik und Szene selbst Ihre Langlebigkeit und Beständigkeit
sichert.