Die Entstehung und Entwicklung von Breakbeat, Jungle, Drum'n'Bass
Jungle/Drum'n'Bass (von Sean Cooper)
Die englische Underground Dance Scene war sowohl ein Einstiegspunkt wie auch eine
Quelle für die nahezu unendliche Expansion amerkanischer Musikstile wie Disco,
House, Acid, Techno, Electro oder Rare Groove. England hatte selbst aber nie einen
eigenen Dance Music Style - bis Jungle aufkam.
Obwohl die Wurzeln von Jungle hauptsächlich im technoiden 'Hardcore Breakbeat',
der in englischen Clubs Ende der 80er, Anfang der 90er liegen, sind die musikalischen
Einflüsse auch auf Raggae, Ragga, HipHop, Jazz und Dub zurückzuführen.
Weiter Einflüsse sind sozialer und wirtschaftlicher Natur, wie sie in britischen
Städten oft vorzufinden sind. Entstanden im Arbeitermilieu von East Londons
Vorstädten breitete sich Jungle / Drum'n'Bass vom Osten Englands auf die
ganze Insel und schließlich auch auf Europa und Nord-Amerika aus.
Jungle hat sich seit seiner Entstehung in beeindruckender Weise zu einer der unverwechselbarsten
englischen Musikbewegungen seit der Zeit in dem Rock so sehr boomte (60er Jahre)
entwickelt.
Wie amerikanischer HipHop - mit dem Jungle oft verglichen wird - ist Jungle (oder
Drum'n'Bass, als stilistisches Synonym, dass die zwei wesentlichen Komponenten
+der Musik beschreibt) eine Weiterentwicklung von Breakbeats, die sich bis zu
American Funk, Soul und Jazz erstreckt. Und wie im HipHop, wo Sampler genutzt
werden, um Segmente von Drumloops von James Brown, Meters, Jimmy Smith oder Bob
James Platten aufzunehmen, benutzt Jungle den Beat als Ausgangspunkt, um ihn durch
schneiden und teilen, neu zusammenzufügen und in nahezu endlosen Möglichkeiten
neu zu arrangieren.
Und genau das macht Jungle bzw. Drum'n'Bass in der Evolution der elektronischen
Musik so einzigartig. In anderen auf Samples basierenden Dance-Musikstilen wird
meist sehr gradlinig bei der Produktion vorgegangen. Nicht so bei Jungle.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Entwicklungen der Musik war
die Verfügbarkeit und der Einsatz von preiswerten und einfach zu benutzenden
Sample-Technologien und digitalen Seuqencern wie Cubase oder Logic, die eine
unglaubliche Kontrolle und Variationsvielfalt ermöglichten. In vielen Punkten,
machten erst Technologien, wie z.B. das timestretching (Ändern der Länge
eines Samples, ohne dabei die Tonhöhe zu verändern) oder die cut'n'past
Funktion im digitalen Audiobereich, diese Musik möglich.
Wie in den meisten Mythologien gibt es auch bei 'Jungle' die verschiedensten Geschichten
über die Herkunft des Namens. So soll es eine Straßengang in Kingston
(Jamaika) gegeben haben, die sich 'Junglists' nannte. Viele stimmen zu, dass der
Term 'Jungle' einen rassistischen Beigeschmack hat, der auch von Englands städtischer
schwarzer Bevölkerung benutzt wurde. (Die Bevölkerung englischer Städte
setzt sich aus Personen vieler Nationalitäten und Rassen zusammen; es herrschen
große Klassenunterschiede).
So oder so, die Bezeichnung wurde von Musikern und dem Publikum angenommen und
beschreibt eine Klassifikation der verschiedenen Spezies von Drum'n'Bass. Im historisch-ästhetischen
Sinne liegen die unmittelbaren Wurzeln von Jungle in der englischen Underground
Rave Szene aus den frühen 90er Jahren, als die monotonen Acid House und Techno
Klänge durch Hardcore Breakbeat Techno mehr und mehr ersetzt wurden. Anfangs
noch sehr rave-lastig und Richtung 'Hardcore' orientiert (sog. 'Happy Hardcore',
dass viele der verlorengegangenen Elemente von Acid House und Dancefloor-Techno
in den Breakbeat-Kontext übertrug), wurde dann eine komplexere und 'verschärfte'
Form der Musik immer populärer: 'Darkside'. Sie wurde zu der Underground
Music der urbanen Zentren der Großstädte und der jungen Arbeiter-Klasse.
Nach und nach wurde die Beat-Strukturen der Musik komplexer und Elemente von Reggae,
Ragga, Dub, Calypso und anderer nicht-westlicher schwarzer Musikstile veränderten
den Style hin zu den sehr schnellen Breakbeat der ersten Jungle-Welle. Artists
dieser Zeit waren u.a.: Rob Playford, 2 Bad Mice, SL2, Acen, Urban Shakedown).
Obwohl Ragga-Jungle der Sound des urbanen britischen Undergrounds war, erreichte
man schnell ein größeres Publikum. CD-Compilations die auf Labels wie
Suburban Bass, Kickin', Sound of the Underground oder Moving Shadow erschienen
halfen die Musik (auch in anderen Ländern) zu verbreiten. Die sound-typischen
Klischees von Ragga ('Booyaka') wurden ein Merkmal der Musik.
Die Basisstrukturen der Soundarrangements entwickelten sich weiter und brachten
'Hardstep' und 'Darkside' hervor, bei denen der intellektuelle und emotionale
Ausdruck der Musik ausgereifter war und der verspielte Moment weniger im Vordergrund
stand. Die folgende Jahre (und bis heute) sahen eine schwindelerregende Veränderung
und Vermengung von Styles, und Jungle machte den Weg in fast jeder nur vorstellbaren
stilistischen Kontext: von Lee Perry und dem Wu-Tang Clan zu Soul Coughing und
Everything but the Girl.
Wie im frühen Hip-Hop und Techno/House blieb Drum'n'Bass vorwiegend eine
Kultur der 12" (inch) Platten. Artists und Musiker produzierten darauf ihre
Tracks primär für die Dancefloors - und natürlich für die
DJ's. Aber wie auch im Techno-Bereich, veränderte sich diese Situation durch
eine größere Popularität der 'intelligent' Styles sowie CD-Produktionen
in großen Auflagen und deren Distribution.
Die rasche Vermischung und Fortentwicklung wurde auch durch die breite Verteilung
von White Labels, Dubplates und Test Pressings vorangetrieben, die es DJ's ermöglichen
die Beliebtheit ihrer Tracks zu testen, bevor sie danach fertig produziert werden.
(Dubplates und Test Pressings sind mit Acetat oder speziellem Plastik beschichtete
Platten, die max. nur 40 mal gespielt werden können, und zum testen produziert
werden, bevor eine Großauflage des Tracks in Produktion geht).
Die Sets der Top-DJ's bestehen bis zu 50% (oder mehr) aus Dubplates. Producer,
die auch als DJ tätig sind schneiden ihre Tunes oft Monate vor dem tatsächlichen
Release-Termin (wenn sie überhaupt veröffentlicht werden), um die Aufmerksamkeit
der Hörer zu wecken und deren Erwartungen den Track endlich selbst kaufen
zu können immer weiter zu steigern.
Wie bereits angesprochen, hat sich Jungle (wie auch andere experimentelle elektronische
Musikarten) in sehr viele Subgenres und Styles ge-splittet (Ragga, Hardstep, Darkside,
Jump Up, Techstep, Ambient) und macht einen einfachen Umgang mit den Begrifflichkeiten
nur schwer möglich. Im folgenden werden die bekanntesten Subgenres näher
beschrieben:
Hardcore / Happy Hardcore:
Eine Techno-Derivat, dass in den urbanen unteren sozialen Schichten Englands
(speziell London) Ende der 80er,Anfang der 90er Jahre angesagt war und sich
durch wiederholende, ge-pitchte Breakbeats sowie kantige, ungeschliffene Basslines
auszeichnete. Der mehr rave-orientierte Begriff 'Happy Hardcore' zeigt noch
deutlicher, dass die Wurzel der Musik im Acid-House lagen: wimmernde, diven-artige
Gesangspassagen, upbeat Piano-Parts und Synthie-Basslines in enger Anlehnung
an die aufdringlichen Hardcore-Rhythmen.
Artists: Acen, 2 Bad Mice, SL2
Ragga Jungle:
Ragga Jungle war eine der frühesten und weit verbreiteten Form von Drum'n'Bass,
die sich von den Klischees des Hardcore Techno abhob und in den Straßen
der Großstädte viele Anhänger (darunter zahlreiche Jugendliche
afrikanischer und karibikanischer Abstammung) fand. Ragga Jungle zeichnet sich
durch folgende Merkmale aus: schnelle, komplexe Beat-Strukturen, tiefe, knackige
Bässe und den Einsatz von Soundsystem-typischen MC Vocals (MC=Master of
Ceremony), die von alten Reggae-, Ragga- oder Dancehall-Platten ge-sampled wurden.
Ragga zeigt die Verbindung zu Jungle auch durch das Einbringen von in Afrika
oder der Karibik typischer Rhythmus-Muster.
Artists: 2 Bad Mice, Rude Bwoy Monty, Shy FX, Amazon II, Congo Natty Artists
Hardstep / Jump-Up:
Eine einfachere und geschmeidigere Abwandlung von Hardcore und Ragga, die die
Härte und rhythmische Komplexität beibehält, aber auf den exzessiven
Einsatz von Ragga- und 'Rude Bwoy'-Samples verzichtet. Hardstep zeichnet sich
auch durch progressivere, variantenreichere Drum-Patterns, musikalischere Momente
und melodischere Bässe aus. Obwohl es geringe Verschiedenheiten zwischen
Hardstep und Jump-Up gibt (Jump-Up hat einen etwas leichten, frischeren und
dynamischeren Touch), werden beide Begriffe weitgehend gleich verwendet.
Artists: Ray Keith, DJ SS, Dillinja, DJ Zinc, Shy FX
Darkside:
Eine tiefer gehender und mehr 'pessimistischer' Style von Hardcore, der sich
von dem immer präsenten Rave-mainstream (bei dem es Anfang der 90er kaum
musikalische Innovationen gab) loslöste. Producer des Darkside Styles nahmen
die 'hellen' Melodien und ge-pitchten Samples aus dem Hardcore und ersetzten
sie durch wummernd tiefe Bässe und teilweise recht schräg melodische
Passagen, die eher an Detroit Techno als an Happy Hardcore erinnern. Darkside
war auch die Brücke vom frühen Hardcore hin zum anspruchsvollerem
Hardstep und experimentellerem Drum'n'Bass von DJ SS, Solo, Source Direct und
den Metalheadz Artists.
Techstep:
In der Beat-Struktur und Struktur der Tracks ist Techstep mit Hardstep gleichzusetzen.
Den Unterschied macht der Einsatz von techno-typischen Elementen, wie Bleeps,
treibenden Synthie-Sounds und fetten, abgedrehten Basslines. Nach den softeren
Klängen der ersten Jungle-Welle mit all ihrer Popularität (Verträge
mit Major Labels, internationalen Touren, etc.), rückte der mächtige,
dunkle und tiefe Techstep-Sound mehr in den Vordergrund und brachte eine sehr
aktive, interessante und experimentelle Variante von Jungle an den Tag. Führende
Labels waren Emotif, No U-Turn, Penny Black und S.O.U.R.. Eine guter Wegweise
(und Namensgeber) war die auf Emotif erschienen Compilation 'Techsteppin''.
Artists: Ed Rush, Nico, Fierce, Shapeshifter, Solo
Ambient / Intelligent:
Der Begriff wurde zuerst genutzt um Drum'n'Bass Styles zu definieren, die viele
atmosphärische und stimmungsvolle Elemente beinhalteten. Später wurde
der Term eingesetzt, um sich bewusst vom 'simplen' Hardcore mit wiederholenden
Loops, relativ anspruchlosem Rhythmus-Programmierungen und den süßlichen,
pop-orientierten Melodie-Texturen zu distanzieren. Diese 'Gegenbewegung' zeichnete
sich entsprechend durch softere, jazzigere und ruhigere Ambient-Sounds aus und
rückte als erstes Subgenre davon ab seine Wurzeln im Underground zu sehen.
Der Sound wurde äußerst populär und fand eine große Hörerschaft
und viel Anhänger.
Artists: LTJ Bukem, T Power, Omni Trio, Source Direct, Blu Marten, Photek, 4Hero,
Dave Wallace