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Notting Hill Carnival 2004


Veranstaltung: Notting Hill Carnival / Bank Holiday 2004  
Datum:   27.-30.08.2004  
Location:   diverse  
Stadt:   London (UK)  
DJ's:   diverse  
MC's:   diverse


Review von Jogga MC

Bank Holiday Weekend? Notting Hill Carnival? London Town touchin' down!
Einen 99-Euro-Flug konnte ich noch bei German Wings buchen und so verabschiedete ich mich Samstag abend vom Köln/Bonner Flughafen für sechsunddreissig Stunden vom deutschen Will-nicht-Sommer. Mit weiteren 100 Pfund Spesen, einer Digicam, Klamotten zum Wechseln und einer Tüte Tee im Rucksack sowie den Pflichtevents Innovation und One Nation als Ziele landete ich nach nur einer Fussballhalbzeit und wieder mal überwältigendem Stratosphärepanorama per Airbus in Stansted Airport.

Der teurere (24 Pfund return), aber schnellere Stansted Express-Zug (Vorsicht, nix auf die Heizung legen, könnte schmilzen!), in dem ich mit Ravern aus Barcelona laberte, brachte mich zur Liverpool Street Station. Von dort aus pilgerte ich über Petticoat Lane und Wentworth Street wieder in die heilige Brick Lane und seiner stop-and-go-Atmosphäre aus Bengal spices, party people, posters und den kreativsten Design-Messages an Stromkästen und Laternenpfählen europaweit. Nach der berüchtigten Immam-Moschee erstaunte mich eine triste Truman Brewery, aus der nach Kunstkomplex ein Bürohaus geworden zu sein scheint. Gegenüber wurden dafür Fabrikhallen umfunktioniert zu Cafés, Bars und Clubs, wenn die Vibe Bar mal wieder überfüllt ist. Beim Snapshot fiel meine Digicam auf den Asphalt und ging kaputt, deshalb keine Pix. Worse! :(

Ein gutes Essen sparte ich mir für den Sonntag, da ich noch kein Ticket für die Innovation Reunion hatte. Hier trafen sich die Lloret De Mar-Raver wieder zu einem D&B-Line Up der Premier League. Andy C, Hype, Nicky Blackmarket, Dillinja, Shy FX und Brockie an den Tellern mit Det, Skibadee, Shabba und Suga am Mikro. Dazu Floors mit Old Skool und Happy Hardcore.

Über Whitechapel High Street, Aldgate und Monument überquerte ich die London Bridge, dann links vorbei am Bahnhof und dem London Dungeon in den Tunnel der Weston Street. Es war noch nicht elf und keine Schlange vor dem unscheinbaren Eingang des SE One. Nach dem üblichen Türsteher-Ratewitz "tell me a number between one and ninety-nine! - 73? - No, it's 93! Sorry mate, you gotta go in" ließ ich meinen vollen Reiserucksack vergeblich durchsuchen, passierte die freundlichen Schwergewichtstürsteher und fiel dann fast um beim Eintrittspreis. Auf den Flyern waren knapp 19 Pfund angekündigt, aber dass an der Abendkasse 30 Pfund fällig wären, brachte mich fast zum Umkehren.
Dass man dann doch bleibt, liegt an der einsamen Nacht und am Jungle Fever, dass unheilbar ist…

Der Merchandising-Stand bot die üblichen Packs aus Tapes, CDs, DVDs und Clothing. Hinter dem Vorhang bolzten bereits die ersten DJs derbste Dubplates aus echten Fersentretern und Hüftbässen und die Massive leerte das Bier und heimlich die Speeddrops.
Der Rave startete aber nicht vor Brockie, weil das zusammengebastelte Soundsystem der Innovation Kru mithilfe der Valve-Türme nur expertentauglich war. Doch selbst der Master of Darkness brachte die Anlage zum kurzen Kollaps, bis er seinen unnachahmlichen Bass auslotete, der genau ans Trommelfell andockt und den Hörsinn anbohrt, wenn nicht gar zerbröselt.
Nehmt Stöpsel oder fragt Euren Ohrenarzt - but that's grimey, mate!

Überhaupt der Sound. Ich nahm nicht alles mit und lief mehr herum als sonst. Vielleicht auch, weil sich mein Hörsinn langsam aber sicher aufzulösen scheint nach acht Jahren Jungle-Trips und immer mächtiger werdenden Dezibelduschen. Seit kurzem tue ich mir wirklich Taschentuchfetzen ins Ohr, vermisse dann aber die Intensität.
Kaum lockte mich "System Check" zurück, enterte das Two Times-Duo aus More muscles-Tube Voice-Det & 15 bar-rhyme scheme-fresh flow-Skibadee die Bühne, um das Carnival-Party-Schiff auf Kurs durch alle Drum&Bass-Wellen zu schicken. Mit Rap-Flashbacks vom Millenium Eve Rave steigerte das Trio den Vibe im Gewölbetunnel, der mich stark an den Wuppertaler U-Club erinnerte, aber zu eng und muffig war, um steppen zu können – wie leider bei den meisten Club-Raves in London. Deshalb quetschte sich der Tourist neben die Boxentürme, weil es ab dem Mauerbogen kein Durchkommen nach vorne gab, zumal der Reiserucksack noch am Rücken klebte. Hin und wieder zwang mich die Atmung wieder zurück zum Eingang, wo ich den Old Skool-Floor entdeckte, der als "Liquid D&B Arena" getarnt war. MCs wie melodic Warren G und der alberne Shok-A-Tee, den ich von Rude FM kannte, mit Nummer 5 lebt-Lampenbrille (beide nicht im Line-Up) wärmten chillig auf zu All Time Classix.

Ein Raum weiter gab es den Sound der Main Arena in besserer Qualität mit Laser-Leinwand und den genauso hohen Boxentürmen. Von dort konnte man sich von der Seite nach nebenan durchdrängen, wenn man wollte, aber das meiste liess sich auch von der Tür erleben. An den Seiten gefielen zwei gespiegelte 3 D-Monitore mit Innovation-Logos und den aktuellen Artists.
Nach Shy FX und eher mässiger Stimmung sorgte Dillinja wieder für Aufmerksamkeit, spielte aber eher ein kurzes Set wegen anderen Bookings in der Nacht. Wie immer überzeugten Hyperröntgenbass und Prollbreakz. Ab Hype („Hyyyyype? Hype?!? Hyyype!!!“) absolute roadblock, so dass man an der bröckelnden Frequenz nebenan nur erahnen konnte, welcher Tune gerade drehte. Amtliches Blendin' von "The Nine", "The Ritual" genoss einen dreifachen Rewind und brachte die Meute zum Pogen wie "Reach Out", alle Hazard-Tracks und frische Playaz-Dubs.
Mit jeder Minute mehrten sich auch die double-D Junglettes - hot & juicy in London Town only - auch wenn sie nur an einem vorbeigehen und man sie nie kennenlernen wird. But: if you can´t make it – feel it! Kein Wunder, dass es so viele junge Mummies gibt (lechz but be careful ;)).

Nicky Blackmarket spielte den besten Mix der Nacht mit Dribbling-Cuts wie QPR in besten Zeiten und hatte mit dem "Nosher"-Baron-RMX die Horns, Whistles und Lighters in der Höhe :D Ab Andy C wie immer eingeschworene tricks, treats & hardways und ich blieb eine Weile in der "Ravenation Arena", wo kristallklare Happy Hardcore-Beats zu angenehmen 150 bpms glänzten. Hier wurden auch die Glühstäbe geschwungen, mehr gelacht und nicht nervig nach pills gefragt. Die Nacht war wie immer schneller rum als man denkt und ich verdrängte die verschwendeten dreissig Pfund, als ich am Ausgang die letzten Jungle-Queens begehrte, Skibadee in Fasan-Jeansjacke mit Arsenal-"38 Gun Salute"-Mate entdeckte und dann noch im Tunnel direkt neben UK "Nuttah" Apache und seinem unerreichten Kurzhaarkopfrasurlabyrinth stand.
Aber wer labert dann, fragt nach Autogrammen, macht Pix oder Gästelisteplätzen für die One Nation?
Erstens weil ich nur Tourist bin und mir nicht klar war, ob ich alles für mein schweres Geld bekommen hatte. Von Kenny Ken, Lemon D, Mickey Finn (?), Fresh, Pendulum, Fearless, Ragga Twins und anderen irgendwie keine Spur. Navigator habe ich auch nur gesehen. Man sollte nie dran glauben, dass alle da sind, die auf dem Flyer stehen. Oder registrieren. Iron Law. Deceive inclusive. Aber wer blickt bei Nebel durch? Nur der Fernrohrer auf dem Mast! Es waren genug Highlights da, die schockten.

Danach traf ich eine Kru aus Plymouth, mit denen ich an der Themse gegenüber vom Piratenschiff im Tower Pier chillte (wie weit es selbst von Plymouth nach London ist!) und danach alleine zur Tate Modern wanderte, um zu pennen. Auf einer gummierten Rundbank legte ich mich hin, bis mich ein Regenschauer eine Stunde später weckte. Ich ging die Themse auf und ab, bewunderte das Shakespeare Globe Theatre, das Wohnhaus von Christopher Wren, das niedrige, vermüllte Themse-Wasser mit seinen Touristenkreuzern, bis ich um zehn in das ehemalige Kraftwerksgebäude konnte, um die Dauerausstellung zu sehen. Ausser der laufenden Edward Hopper-Ausstellung waren drei Stockwerke moderner Kunstwerke auf vier Stockwerken kostenlos zu sehen, aufgeteilt in Landschaft, Stilleben, Geschichte und Körperkunst, darunter Klassiker von Max Ernst, Man Ray, Dali, Pollock, Matisse, Picasso, Warhol, Beuys oder Ofili und nicht zu vergessen die monströse Stahlspinne in der Turbinenhalle.

Im Bann der Kunst vergingen einige Stunden, so dass ich erst nachmittags Richtung Notting Hill ging. Die Themse westwärts kam ich am Millenium Eye-Riesenrad vorbei, der Saatchi Gallery, dem Dalí Universe (sollte man mal gesehen haben von wegen paranoid-kritischer Philosophie…) und der Queen Elizabeth Hall über die Westminster Bridge an Big Ben und einer ständigen Anti-War-Demonstration vorbei zur Victoria Station. Nach einem Kaffee weiter zum Hyde Park über die Rotten Row die Serpentine und dem bevölkerten Diana Memorial entlang, bis ich irgendwann die Carnival Area erreichte. :0

Unter dem Westway und über die Gleistrassen schwappte bereits der Squat-Drum&Bass-Vibe vom Randomsound System herüber, die in der Nacht einen Warehouse Rave veranstaltet hatten und hier ihre After Hour abhielten. Von dort wanderte ich an vor Pubs saufenden und kiffenden Menschentrauben, Strassengrills mit dunklen Maiskolben und würzigen Fleischbrocken vorbei zum Umzug, der mit tanzenden Kindern in seinen letzten Zügen war. Vielleicht war dieses Jahr weniger los, weil um acht Uhr die meisten Soundsystems abgebaut hatten. Die boxenhohe Bühne der One Nation stand schon verwaist an der Ecke All Saints/Tavistock Road, wo es aber noch Tickets für die Brixton Academy am Abend gab.

Nach Kalkulation blieben mir noch 13 Pfund und ein paar zerquetschte - damit knapp aber unter den erforderlichen 20, ohne das Tubeticket. Wer bettelt schon gerne am Carnival und so musste ich die One Nation still fluchend streichen und eine Alternative für die Nacht finden. Mir fiel der "Grace"-3 Years-Birthday im Herbal in Shoreditch ein mit Grooverider, Marky, L Double, Stamina und 5ive-O für 10 Pfund. Das müsste reichen.

Den Weg von West nach Ost kürzte ich mit einer doch langen Busfahrt ab und gelangte gegen elf zur Fünfzigmeterschlange, als kurz darauf ein Türsteher mitteilte, dass es soeben ausverkauft wäre. Fassungslos wie alle blieb ich stehen. Von der Strasse fragten zwei Typen im Leihtransporter mit Kool FM im Radio nach anderen Drum & Bass-Events. Ebenso ahnungslos trotteten wir von
dannen. Selbst ein Rave auf der Brick Lane spielte ein altes Infoband im Münztelefon. Kurz vor eins beschloss ich, den Rest von 10 Pfund für ein Bengal-Essen in einem Restaurant (@ The Preem, Brick Lane) auf den Kopf zu hauen. Es reichte sogar für einen Liter Singha Beer und ein Balti Jalfezeri. Wer das kennt, weiss was scharf macht und wach hält…

Aber meine versteppten Knochen trugen mich nicht mehr weit und ich trottete zurück zum Herbal, wo der Promoter-Nachwuchs mit Flyer-Packs am Ausgang harrte. Am 333 auf der Old Street vorbei ging ich nostalgisch zum Hoxton Square und dachte zurück an grosse Blue Note-Zeiten. Auf einer Parkbank hörte ich Walkman-Radio und versuchte bis zum Morgengrauen in der nieselnden Inselkälte wachzubleiben, indem ich letzte Kräutersticks paffte, dumme Schnellreime ausklügelte, mit den Händen auf den Oberschenkeln trommelte, zwischendurch auf der Parkbank ratzte und die Zeit einholte.
Endlich um fünf fuhr ich ab Liverpool Street mit dem ersten Zug nach Stansted Airport und schlief in der Wartelounge weiter zwischen anderen Weekendravern aus Spanien, Italien, Holland und Polen.
Nach böigem Wackelflug hatte ich um halb elf Deutschland wieder.

Fazit: German Wings Number One, nette Stewardessen, lasche Gepäckkontrolle, Partyplan knapp verpeilt, Innovation guter Rave-Einstieg mit weiteren fetten Events in der Zukunft, so London Town keeps you "movin´, groovin´, rockin´, shockin´- rock around the clock til the night is done... rock around keeps you to knock the pound - listen to my sound, my sound, your sound, our
sound" :lighter:

Der nächste Weekenda braucht Junglette-Dates, viel mehr als hundert Euro Spesen, ein Spurs-Match und definitiv mehr German Krus in the area if any…

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