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htk
21.08.2005, 18:10
Präambel

Versammelt in unseren vielfältigen Farben
mit wulstlippigen Negern und fischhäutigen Weissen
mit schwerzöpfigen Roten und lächelnden Gelben
mit Wesen jeglicher Herkunft
ein jeder und eine jede mit Fehlern behaftet,
mit zahllosen Defekten, von Ängsten und Zweifeln
verfolgt, unvollkommen, und doch
in einer glänzenden, hoffenden Horde
von Frauen und Männern und Kindern und Greisen
in jedem Geschlecht des Regenbogens
von Müttern geboren und von Vätern gezeugt
in ständiger Anwesenheit der Erinnerung
im Angesicht unserer Vorfahren und Nachkommen
eingedenk unseres Daseins als ständig Verfolgte
und im Bewusstsein unserer angeborenen Würde
verfügen wir von Stund’ an
unsere unerbittliche Suche nach Wahrheit.


I.

Wir bestimmen
dass von nun an
die Menschheit frei und ohne Ketten ist
dass alles in Liebe fallen mag zu allem
und dass von nun an unantastbar ist
was lebt
und auch der Ort
worin es lebt.


II.

Wir bestimmen
dass von nun an
die Welt die Formen eines Nestes trägt
und die Ungeduld des Morgenrotes
dass jeder Mensch von Geburt an
beteiligt ist
an der allgemeinen Verschwörung der Liebe
und dass die Würde
kein Wort mehr ist
sondern eine alltägliche Haltung
und Wahrheit.


III.

Wir bestimmen
dass von nun an
geheimnisvolle Beziehungen bestehen
zu Nilpferden und Ameisen
zu Veilchen und Orchideen,
dass die Vögel auf Wunsch
Schürfrechte erhalten in den Minen
und dass niemand mehr das Recht hat
einem neugierigen Maulwurf
die Fluglizens zu verweigern.


IV.

Wir bestimmen
dass von nun an
die Welt unteilbar ist
und kein Stein geringer als der andere
dass die Fesseln der Welt gelöst sind
und die Gefängnisse offen
dass die Mauern zu Staub der Geschichte zerfallen
und die Wachtürme aufgelöst werden
im Sonnenlicht.
Wir erklären vehement unsere Unzuständigkeit
in allen Angelegenheiten der Unterdrückung
und schlagen den Gierigen vor und den Beamten
sich eine andere Welt zu wählen.


V.

Wir bestimmen
dass von nun an
sämtliche Ausbeuter und Ignoranten
alle Gefängniswärter und Uniformierten
eine jede Zumutung, ein jeder Schlagstock
sämtliche Giftzähne und Bankiers
alle Schlagersänger und Parteivorsitzenden
alle Nationalisten und Heimatschwärmer
zu Ausländern erklärt werden
und dass es ausser diesen
ab sofort
keine Ausländer mehr gibt.


VI.

Wir bestimmen
dass von nun an
das Antlitz der Welt
nicht länger beleidigt wird
von Asphaltkrusten und Rüstungskonzernen
und englischem Rasen und Blumenkübeln
und Kasernen und leblosen Wohnungen
und betonköpfigen Architekten.
Statt dessen verfügen wir
dass nicht nur der Mensch lebendig ist
und dass die Welt das Recht hat, sich in
lebendige Formen zu kleiden
und dass der Mensch nicht frei sein kann
bevor er den Bürgersteigen nicht gestattet
sich zu schlängeln oder
in einem Fluss zu baden oder
mit einem Chrysanthemenfeld zu schmusen.


VII.

Wir bestimmen
dass von nun an
nicht der geringste Unterschied besteht
zwischen Mann und Frau
ausser einem Unterschied
und dass die Beschäftigung
mit diesem Unterschied
zu jeder Zeit und an jedem Ort
willkommen ist und
den frenetischen Applaus
der Schmetterlinge verdient.


VIII

Wir bestimmen
dass von nun an
die Pfaffen tot sind
die Kirchen verwest
die Missionare gebraten
aber (wenn es denn sein muss)
jeder Glauben lebendig
wobei jedoch von nun an
sämtliche Göttinnen und Götter
einander gefälligst im Geiste des Friedens zu begegnen haben
und sich die Menschheit mit dem Tod verschwistert
und mit ihm um das Leben pokert
und gleichzeitig erlassen wird
dass er jedes Spiel verliert.
Ausser einem.


IX.

Wir bestimmen
dass von nun an
die Geldscheine dazu dienen
Obszönitäten an ihren Rand zu schreiben
und dass die
Münzen eingeschmolzen werden
und in Schiffe verwandelt.
Zudem verfügen wir mit Strenge
dass fortan kein Ding mehr käuflich ist
und keine Handlung
und kein Mensch
und dass der Wert von allem
bemessen wird am Grade der Notwendigkeit
und an der Herzlichkeit des Lächelns
und einem Wort des Dankes
und einem Schulterklopfen.



X.

Wir bestimmen
dass von nun an
das Vergessen eine giftige Pflanze ist
und die Erinnerung der Völker
unsere stärkste Waffe gegen die Dummheit.
Wir erklären
dass alles Lebende Gedächtnis hat
und jeder tot ist der behauptet
er habe nichts gewusst
und dass
Vergessen und
Verschweigen und
Verzeihen
eine Erfindung derer ist
die diese Dinge nötig haben


XI.

Wir bestimmen
dass von nun an
die Vernunft
zur Heldin der Geschichte erhoben wird
und mit ihr die Widerstehenden
die Hungernden
die Erniedrigten
die Deserteure
die Hingerichteten
die Verfolgten
und dass wir ihre Namen noch wissen werden
wenn alle anderen Namen
längst verschwunden sind.


XII.

Wir bestimmen
dass von nun an
die Kinder Uniformen binden werden
um Sackhüpfen mit ihnen zu spielen
und dass man Vogelscheuchen bauen soll
aus den Masken der Furchteinflösser.
Weiterhin empfehlen wir den Kindern
gen Morgen auszuschwärmen
und aus allen Strafgesetzbüchern und
Dekreten und Erlässen und Tagesbefehlen
Papierschwalben zu fertigen oder
Heissluftballons oder Ziegenfutter
damit die Erniedrigung unserer Vorfahren gelindert werde von lachenden Augen
und für alle Zeiten bewiesen sei
dass dieses Zeug kein anderes Unheil anrichten kann
als kraftlos vom Himmel zu fallen
und verschlungen zu werden von einem blökenden Maul.


XIII.

Wir bestimmen
dass von nun an
alle langen Wörter und geschraubten Komplikationen
verpönt sind und ersetzt werden können
durch das Betrachten eine Blume oder
die Hausgemeinschaft mit einem Pelikan,
einer Gnu-Antilope, einem Warzenschwein
oder Rhinozeros
und dass kein Ding mehr Dauer hat
und kein Wort Bedeutung
das keinen Anker wirft
in den Korallenboden der Sympathie.


XIV.

Wir bestimmen
dass von nun an
an den Polen des Nordens und Südens
und hier und dort am Äquator vielleicht
diverse Museen eingerichtet werden
in denen zur Belustigung der Nachgeborenen
die Ignoranz gezeigt wird, die infantilen Reden
der Politiker, die Umgangsformen der Soldaten,
die nackte Blödheit, der Mord, die kraftlosen Gedichte,
die Verfolgung der Fremdhäutigen, die Pressezensur, die Geheim-polizei,
die Reste der Rüstungsfabrikanten, der Hunger, die Bordelle,
die Misshandlung der Kinder, die Bluthunde, die Heuchler,
die bigotten Gebete, die Indolenz, der Schiffbruch, die Niederlagen,
das Sterben, die Inquisition, der Blockwart,
die komplizenhaften Angestellten, der Wirtschaftsminister, die Armut,
die Erschöpfung, die Mutlosigkeit, das Fernsehprogramm,
die Heroinhändler, die Zuhälter, die Parteivorsitzen-den, der Bandwurm,
das Folterwerkzeug, die Börsenaktie, der Feldwebel, das Passbild,
die Fanatiker, das Gerede, die Darm-grippe, das Bankgebäude,
die Sektierer, die Korruption, die Enttäuschung, das Schlachtschiff,
der Gefängniswärter, die Uniform,
und alles
alles
alles
was krank macht und niedergeschlagen
(die Dummheit. Die Barbaren. Die nützlichen Idioten.)
Alles, was ausserhalb der Strahlen einer Morgensonne
leben konnte
und es irgendwie geschafft hat
sich ohne Liebe zu vermehren.
Und ohne Freiheit.


XV.

Wir bestimmen
unverrückbar und zuletzt,
dass der Mensch
zur Familie der Liebenden zu rechnen ist.
Und dass er dadurch schön wird.
Vielleicht schöner
als die Erde selbst.



__________________
aus "Notizen vor Tagesanbruch" (Urs M. Fiechtner / Sergio Vesely), 1990, Signal-Verlag, Hans Frevert, Baden-Baden, ISBN 3-7971-0283-6

dawn.d
21.08.2005, 18:42
coool!

schon gebloged :D

blicky
22.08.2005, 02:29
da fehlt doch noch:

XVI
ach ja. und dann kommen wir aus unserem elfenbeinturm raus und fangen mal an etwas zu machen, anstatt nur zu schreiben.

XVII
eben gerade einen big mac gegessen - sofort süchtig danach geworden. memo: mcdonalds filialen nicht niederbrennen

XVIII
mist. vorgestern gewaltsam alle kaffeeplantagen in guatemala enteignet und der bevölkerung übergeben. seit heute morgen ist kaffee mangelware. schlecht. im zuge der revolutionären umkehrung ein paar ehemalige professoren und beamte mit waffengewalt zum kaffeeanbau in der verwüsteten stadtbibliothek gezwungen

usw