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SAIGON
26.05.2005, 13:19
oh gott ich möchte brechen http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,356636,00.html

:eek:

Baggern im Weinberg des Herrn

Von Alexander Schwabe

Die Kirche im Karnevalszug und ein Kardinal auf dem Bagger - die Diözese Köln bereitet das Mega-Ereignis des Jahres vor. 800.000 Gläubige aus 170 Nationen werden zum Weltjugendtag an den Rhein kommen. Stargast: Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI.: Fitnessprogramm für die Jugend
Hamburg - Kardinal Joachim Meisner gilt vielen als ein versonnener, etwas weltfremder Herr. Doch im Vorfeld des Weltjugendtages in Köln wurde der konservative Verfechter der katholischen Lehre ganz praktisch. Er setzte sich einen weißen Sicherheitshelm auf und nahm in seiner schwarzen Soutane höchstselbst in einem Schaufellader Platz. Als Bauarbeiter im Weinberg des Herrn baggerte er unter fachmännischer Anleitung los.

Das Feld, das es zu bestellen galt, war das Marienfeld. Das ehemalige Tagebaugebiet zwischen Kerpen und Frechen, rund 20 Kilometer von Köln entfernt, wird Ziel eines Pilgerstroms sein, der voraussichtlich 800.000 Christen anlocken wird. Landwirte, die dort gewöhnlich die Ernte einfahren, wurden für deren Ausfall entschädigt. Der Päpstliche Reisemarschall, Bischof Renato Boccardo, nannte die Bauern "engste Mitarbeiter des Papstes". Nun ist überall Rasen eingesät. In der Nacht vom 20. auf den 21. August werden hier nach der Feier einer Vigil (betendes Wachen) Hunderttausende auf freiem Feld kampieren. Am Sonntagmorgen wollen sie eine Messe mit dem Papst feiern.

Meisner ging gar unter die Narren, um für das religiöse Festival zu werben. Am Rosenmontag rollte ein Weltjugendtagswagen mit bunten Figuren beim Kölner Karneval mit. Die Stadt stimmte sich auf das Heer frommer Jugendlicher ein: "Kölle und die Pänz us aller Welt" - "Köln und die Kids aus aller Welt".

Weltjugendtag auf allen Bühnen. Zuletzt musste er auch noch im NRW-Wahlkampf herhalten: Dass für die Bereitstellung von Turnhallen Nutzungsänderungen zu beantragen waren, nahm CDU-Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers zum Anlass, der Regierung von Peer Steinbrück (SPD) Bürokratismus vorzuwerfen.

Kardinal Meisner baggert auf dem Marienfeld: Das Feld bestellen
Seit drei Jahren arbeitet die Diözese auf den Mega-Event hin. Millionen Zuschauer in aller Welt verfolgten die Abschlussmesse des letzten Weltjugendtages in Toronto am 1. August 2002, als Johannes Paul II. den Ort des nächsten Treffens bekannt gab: "Welcome to Cologne 2005." "In der beeindruckenden Kathedrale von Köln", so erklärte das Kirchenoberhaupt, "werden die Heiligen Drei Könige verehrt, die Weisen aus dem Morgenland, die sich vom Stern leiten ließen, der sie zu Christus führte. Euer Pilgerweg nach Köln beginnt heute."

"Du, ich komme nach Köln"

Johannes Paul II. - je älter er wurde, desto populärer bei den Jungen - wollte unbedingt in Köln dabei sein. Nun kommt der Deutsche Joseph Ratzinger. Es war wohl sein erstes Versprechen im Amt, als Benedikt XVI. noch am Tag seiner Wahl zu Kardinal Meisner gesagt haben soll: "Du, ich komme nach Köln." Am 25. April bekräftigte der neue Papst seine Zusage während einer Audienz für deutsche Pilger: "Ich freue mich riesig auf Köln!"

"Benedikt, mach uns für Jesus fit!", heißt es auf einer Website der "Jugend 2000", einer "konservativen geistlichen Bewegung" innerhalb der katholischen Jugend, wie es im Pressebüro des Weltjugendtages heißt. Doch bevor sich der Nachwuchs in spiritueller Gymnastik üben kann, muss das Erzbistum Köln noch ein paar Kraftübungen absolvieren, um die Heerscharen aus 170 Nationen zu betreuen.

Die Veranstalter müssen knapp eine halbe Million Übernachtungsplätze organisieren: 340.000 in Sammel- und 80.000 in Privatunterkünften im Großraum Köln, Bonn und Düsseldorf. Viele der Gläubigen werden mit Isomatte und Schlafsack in Gemeinschaftsquartieren - Turnhallen, Schulen, Kasernen, Pfarrzentren - unterkommen. 25.000 Freiwillige sollen helfen, das Treffen der Gläubigen zu organisieren. 600 Bischöfe und Kardinäle werden in Köln erwartet. Und rund 4000 Journalisten.

"Alles, was rollen kann"

Weltjugendtag beim Karneval: "Ihr Kinderlein kommet ... zum Weltjugendtag nach Köln!"
Damit der Glaubenszug nicht ins Stocken gerät, hat Hermann-Josef Johanns, Geschäftsführer der Weltjugendtag GmbH, ein Mobilitätskonzept erstellen lassen. Rund 350.000 Menschen werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Hartmut Herdan, bei der Deutschen Bahn für den Weltjugendtag zuständig, sagt: "Wir werden alles zur Verfügung stellen, was rollen kann." Wegen der Veranstaltung würden 120.000 Zugkilometer mehr gefahren als gewöhnlich.

400.000 Gläubige werden in Reisebussen eintreffen, 150.000 mit dem Auto und 20.000 auf dem Fahrrad. 700 Busse sollen im Pendelverkehr zwischen dem Marienfeld und der Kölner City eingesetzt werden. Die Organisatoren rechnen damit, dass es neun bis zehn Stunden dauern wird, bis die Busse die letzten Pilger nach der Abschlussmesse zurücktransportiert haben werden. Die A1 wird zwischen Köln-West und Erfttal für den öffentlichen Verkehr für nahezu zwei Tage gesperrt.

Um den Gläubigen nicht nur geistige Nahrung anzubieten, haben die Veranstalter einen Groß-Caterer engagiert. "Wir haben jemanden gesucht, der für 400.000 Menschen auf einmal kochen kann", sagt eine Pressesprecherin, "6,4 Millionen Mahlzeiten in sieben Tagen." In Deutschland sei dafür niemand zu finden gewesen, daher habe man auf eine Firma aus Frankreich zurückgegriffen, die schon in Toronto servierte. Auf dem Speiseplan: ein Gemisch aus Reis, Gemüse und Fleisch. 10.000 mobile Toiletten stehen bereit.

"Wir wollen unter 100 Millionen bleiben"

Bischof Boccardo in Köln, dahinter Pächter und Eigentümer des Marienfelds: "Engste Mitarbeiter des Papstes"
"Wir wollen unter 100 Millionen Euro bleiben", sagen die Veranstalter. 40 Prozent der Kosten sollen durch die Beiträge der Teilnehmer gedeckt werden. Ein Fünf-Tages-Paket mit Unterkunft, 18 Essen, Pilgerrucksack, Versicherung und Verkehrsticket kostet 169 Euro. Teilnehmer aus ärmeren Ländern bekommen 20 bis 40 Prozent Rabatt. Nach Angaben der Kirche kooperierte das Auswärtige Amt sehr gut. Außenminister Joschka Fischer wies die Botschaften an, ausländischen registrierten Weltjugendtagsteilnehmern kostenlose Visa auszustellen.

30 Prozent der Kosten tragen die Diözesen, 15 Prozent werden durch Zuschüsse der Stadt Köln, des Landes NRW, des Staates und der EU gedeckt. Und die restlichen 15 Prozent sollen Sponsoring, Spenden und Merchandising-Artikel bringen sowie eine Lotterie mit 7,8 Millionen Rubbellosen, die für je zwei Euro in den Pfarreien verkauft werden. Hauptpreis: eine Reise nach Rom.

"Hebung des Grundwasserspiegels"

Mit der Veranstaltung verbindet die katholische Kirche hohe Erwartungen. Der Päpstliche Reisemarschall Boccardo, selbst mehrfach nach Köln gekommen, um Sicherheitsfragen, logistische und protokollarische Fragen zu erörtern, sagt, der Weltjugendtag solle kein "katholisches Woodstock" werden, sondern ein "sichtbares Zeichen des Glaubens". Für Kardinal Meisner hat das Jugendtreffen den Rang der Ankunft der Heiligen Drei Könige in Köln, deren angebliche Reliquien seit dem Mittelalter im Dom liegen.

15. April 2003: Ankunft des Pilger-Kreuzes in Köln-Bonn
Und Georg Austen von der Deutschen Bischofskonferenz erhofft sich eine "Hebung des Grundwasserspiegels im Glauben". Der Sekretär des Weltjugendtages diagnostiziert bei den jungen Leuten ein "verstärktes Fragen nach dem tieferen Sinn des Lebens" und eine "zunehmende Suche nach Werten". Das Motto der globalen Versammlung - ein Wort der drei Könige aus dem Morgenland: "Wir sind gekommen, um Ihn anzubeten" - werfe die Frage auf, wer heute Orientierung gebe in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen nicht mehr gebraucht würden. "Der Stern, der die Richtung weist, ist weder der Mercedes-Stern noch der, der für Esoterik steht", sagt Austen.

Austen hat lange vor dem August-Event einen "Pilgerweg der Versöhnung" organisiert. Seit dem Palmsonntag 2004 tragen junge Christen ein 3,80 Meter großes und 1,75 Meter breites Holzkreuz durch Deutschland. Seit Johannes Paul II. die Weltjugendtage vor 20 Jahren initiierte, ist das Kreuz von Rom über Buenos Aires, Santiago de Compostela, Tschenstochau, Denver, Manila, Paris, Rom bis nach Toronto hunderttausende Kilometer getragen worden.

"Baumeister einer neuen Zivilisation"

Seit April 2003 war es in 26 europäischen Ländern unterwegs, darunter in Litauen, Spanien, Schottland und Albanien. Am 24. Januar diesen Jahres machte das Kreuz im Gebetsraum des Deutschen Bundestags Station. Vom 8. Juli an werden Jugendliche und Bischöfe das Kreuz zu Fuß auf einer 40-tägigen Wallfahrt von Dresden nach Köln bringen.

Unmittelbar vor dem Weltjugendtag haben die deutschen Diözesen "Tage der Begegnung" organisiert. Dafür werden weitere rund 250.000 Übernachtungsmöglichkeiten benötigt. Im Programm: ein "Tag des sozialen Engagements". Im Bistum Fulda packen jugendliche Gäste Pakete für Hilfstransporte. In Eichstätt renovieren sie Spielplätze und kochen Gerichte nach Rezepten aus unterschiedlichen Ländern für Bedürftige. Im Erzbistum Paderborn pflastern junge Christen den Vorplatz für einen Jugendtreff, der auf einem ehemaligen Zechengelände entstehen soll.

Die jungen Katholiken sollen so zu "Baumeistern einer neuen Zivilisation der Liebe und Gerechtigkeit" werden. Dazu hatte sie Johannes Paul II. bestimmt. Kardinal Meisner auf dem Bagger hat vorgearbeitet.

netking
26.05.2005, 15:18
wenigstens einmal kann ich froh sein nicht in köln zu leben. ;)

redshirt
26.05.2005, 15:49
gibts schon infos zu den aftershow parties? FAITHOGENIC? HOLYBEATZ? C(ATHOLIC)-STEP ;) :lol: