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Cityreport - Chemnitz, Januar 2005


Obwohl Chemnitz ungefähr nur halb so groß ist wie Dresden oder Leipzig, steht das ehemalige Manchester Sachsens partymäßig in nichts nach. Fast jedes Wochenende geht in Sachen Drum'n'Bass irgendwo die Post ab. Was vor zehn Jahren als "Jungle Voyage" eher am Rande eine Erwähnung fand, hat sich bis heute zu einer vielfältigen Drum'n'Bass Szene in Chemnitz entwickelt.

Die Crews in Chemnitz

Die älteste derzeit bestehende Crew in Chemnitz ist Dead Metropolis, die sich 1998 formierte und erste Parties im AJZ und im Club Achter Mai veranstaltete. Von den damaligen Mitgliedern ist nur noch Mitbegründer Angel Dust dabei, die anderen - Microfeel, Shusta (Phlatline), Headnoaks (Blackred), Marc Flowell (UEP) - widmen sich mittlerweile Projekten abseits von Drum'n'Bass. Momentan gehören der '99 hinzugekommene Racoon, sowie Sure und Drumatic (ehemals Sandroid) zum festen Kern, letztere bilden zudem das Liveprojekt Creative Urge. Darüber hinaus gibt es eine mehr oder weniger feste Zusammenarbeit zum Beispiel mit Phlatline, Dandruff (Outburst Audio, Dresden), Real (Bionic Session, Jena) und besonders mit den Vidiots aka VJ Aero und VJ moorooduc sowie MC Phowa (Ulan Bator, Leipzig), die man deshalb häufiger auf den hauseigenen Partyreihen "Steppin' Forward", "Friday Breakz" oder "Trinity" (zusammen mit Phlatline) findet. Auch abseits des nächtlichen Clubtreibens lässt Dead Metropolis immer wieder von sich hören, auf zahlreichen Mixtapes und CDs. Nebenbei steht das fünfte Release des gleichnamigen Labels an, das derzeit als Promo schon verschiedene Vinylcases beglückt hat. Hinzu kommen Releases auf anderen Labels, beispielsweise auf Nasdia Rec, Headquarter, Metro Breaks und gerade aktuell auf Phunkfiction. Nicht zuletzt deshalb waren sie schon in ganz Deutschland unterwegs – Stuttgart, Ulm, Mannheim, Hamburg, Hannover, Berlin und Dresden sind nur einige Orte, an denen sie die Crowd mit ihren abwechslungsreichen Sets fernab technoider Monotonie zum Kochen gebracht haben.

Zweitgrößte Crew in Chemnitz ist die Fraktion42. Seit 1997 aktiv am Chemnitzer Partygeschehen beteiligt, war für Nano 42 die Gründung der Fraktion - 42 steht für D und B - zwei Jahre später nur noch reine Formsache. Bis heute ist die Crew kontinuierlich gewachsen und deren fester Kern besteht mittlerweile aus VJ Heli42, den DJs Repulse 42, Liko 42, B.C.C und natürlich Nano 42, wobei die letzten beiden genannten zusammen mit Ro Rötlich auch für das Produzieren zuständig sind. Dementsprechend vielfältig sind ihre Sets: Von Liquid Funk über Jump Up bis Jungle bedient die Crew das komplette Spektrum von Drum´n´Bass in und rund um Chemnitz. Aber auch deutschlandweit konnte sich die Crew einen Namen machen, unter anderem durch Gigs in Ulm, Stuttgart, Frankfurt/Main und einigen mehr, zusammen mit DJs wie High Contrast oder Trace oder durch ihre Zusammenarbeit mit MC Syndicate von den Insanerz aus Ulm. Der typische Sound der Fraktion ist zudem auf drei Tapes für den Genuss in der heimischen Anlage erhältlich.
Besonders bemerkenswert ist das politische Engagement der Fraktion. Obwohl die Ansichten der einzelnen Mitglieder auseinander gehen, stimmen sie eindeutig darüber überein, dass kein Mensch illegal ist. Aus diesem Grund unterstützen sie musikalisch wichtige politische Ereignisse, vor allem Chemnitz betreffend.

Einen Sonderstatus nimmt die 2002 gegründete Formation Ruff-E-Nuff ein. Aus Swen Sieg – auch durch Sensi Movement bekannt - Motorphader und D.I.S bestehend, präsentiert sie einen Styleclash aus Dancehall, Hiphop, Raggajungle und Drum'n'Bass, vor allem auf eigenen Events im Voxxx, zu denen beispielsweise. "Double Trouble", "Voodoo Breakz" und "Get Blunted" gehören. Für die breaklastige Mischung aus Drum'n'´Bass, Jungle und Breakcore sorgt hauptsächlich Koolpop Resident D.I.S, der 1997 durch seine Zusammenarbeit mit den Society Suckers zu Raggajungle gefunden hat. Weiterhin gehören zum Ruff-E-Nuff Mobb Red Scorpio (Visuals, Grafix), moorooduc (VJ), sowie Geroyche (Digital Hardcore, Gabba, Abstract) und Wintermute (aka Motorphader).
Ruff-E-Nuff, insbesondere D.I.S, konnte sich nicht nur regional einen Namen machen, sondern auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Ob in seiner Homebase Chemnitz oder in Brüssel, Basel, Linz, Graz oder in vielen deutschen Städten, so legte er mit bekannten Artists wie Krinjah, Ripley, Sheen, Society Suckers, Ly.de Buddah oder Something Jay auf. Selbstverständlich verfügt Ruff-E-Nuff ebenfalls über ein eigenes Tape Label, welches die musikalische Vielfalt der Crew einer breiten Hörerschaft wahlweise auf CD oder der guten alten Kassette zugänglich macht.
Musikalische Eigenkreationen sind momentan nicht am Start, Projekte wie das weltweite "Label One" sind jedoch bereits in Planung.

Genau genommen sind DNA nicht direkt aus Chemnitz, sondern aus einer Stadt im Umland, nämlich Frankenberg. Dort trafen sich DJ P.O.S und DJ Force in den Räumen der Sumpfsquad, einer Kollaboration verschiedener DJs und Bands und beschlossen 2001 musikalisch gemeinsame Wege einzuschlagen. Durch ihre Zusammenarbeit mit den Chemnitzer Artists und diversen Veranstaltern integrierten sich DJ Force, eher technoid und jumpup lastig unterwegs, und DJ P.O.S, dessen Sound mehr von Liquid Funk und Dub beeinflusst ist, sehr schnell in die Chemnitzer Szene. Darüber hinaus sind die beiden sowohl als DJs als auch als Ko-Veranstalter (vor allem P.O.S als Mitglied der Sumpfsquad) regional aktiv, unter anderem beim High Temperature Festival in Sachsenburg oder Trés Unique in Frankenberg. Neben Gigs in Dresden, Freiberg und in diversen Clubs in Chemnitz konnten die beiden ihre Skillz auch auf dem Splash 2003 und 2004 unter Beweis stellen, unter anderem mit Kabuki, Giana Brotherz, Cativo, E.Decay, Cyantific, Ly.de Buddah und Lars Lavendel.

Jüngstes Mitglied in der Chemnitzer DnB Familie ist Murder Jungle Movement, abgekürzt MJM. 2002 gegründet, besteht die Crew aus den DJs Lettuce, der bereits schon vorher als Producer tätig war und pulse09, welcher mittlerweile nach Emden umgezogen ist, sowie den beiden VJs E.P.I.C und dOngju, dem Neumitglied aus Dresden. Musikalisch lässt sich MJM nur schwer beschreiben – von Liquid Funk bis technoides Gebretter ist alles dabei, dennoch sind Einflüsse aus Oldskool, Jungle, Happy Hardcore, Gabber und HipHop unüberhörbar und lassen eine Vorliebe für Breaks erkennen. Gewürzt mit dieser Mischung, haben sie schon viele Floors auch über Chemnitz hinaus beschallt, sowohl in Dresden, Leipzig, Bremen, Emden und Papenburg, als auch auf eigenen Events (zum Beispiel mit Noxwell Media Network), wo sie unter anderem mit DJs wie High Contrast, London Electricity, Total Science, Realtime, Lee, Metro und X-Plorer aufgelegt haben. Derzeit gibt es mit "Under Feier", in Zusammenarbeit mit der Bassrotation Crew und Nasdia Rec, eine feste Partyreihe in Emden, die ungefähr aller zwei Monate stattfindet und vor allem Locals aus Norddeutschland featured. Zudem ist Lettuce Gastartist bei Intransigent Rec., dem Label von DJ G-I-S, auf welchem dessen RMX von "Lost Paradise" released wurde.

Groovesmackrecords ist weniger eine Crew, sondern ein Zusammenschluss diverser Artists, die mit Hilfe dieser neuen Plattform ihre Musik präsentieren und später auch releasen wollen. Neben den Betreibern Ronny Rough (dark DnB und Jungle) und G-Cut Dekka (Funk, Break Beat und Chillout) gehören noch Spooky T. von Krawallzwang (DnB, Electrobreaks) und der Head der Fraktion 42, Nano 42, zu diesem Projekt. Alle Artists sind schon seit längerem, wenn zum Teil auch nur selten, in und außerhalb von Chemnitz sowohl auf legalen als auch auf illegalen Parties aktiv und darüber hinaus als Produzenten tätig.

Club und Locations

Das Voxxx: Im Frühjahr 1992 besetzten die beiden Vereine Ufer e.V. und Oscar e.V. das alte Gebäude der Societätsbrauerei auf dem Kassberg und gründeten dort das Projekt Vox, welches zunächst nur einen Sommer lang von Bestand sein sollte. Der Zuspruch war enorm und so wurde das Voxxx zu dem was es heute ist, ein Kultur- und Kommunikationszentrum, mit einem vielfältigen kulturellen Angebot, welches sich in ca. 430 Veranstaltungen im Jahr niederschlägt.
Das musikalische Spektrum ist weit gefächert und reicht dabei von Tango, Salsa, Jazz, HipHop, Dancehall über alle erdenklichen Spielarten elektronischer Musik und schließt natürlich auch Drum´n´Bass ein. So verwundert es nicht, dass Drum´n´Bass Parties im Voxxx schon eine lange Tradition haben – etablierte Partyreihen wie "Steppin' Forward", "Trinity" und "„Friday Breakz" wurden hier geboren und das alte Gemäuer hat schon so manchen renommierten Headliner gesehen.

Zu Gast waren unter anderem die EZ-Rollerz, Kosheen, DJane Sage und The Insiders, aber auch nationale Artists wie Makai oder Panacea. Da das Voxxx aufgrund seines baulichen Zustandes und fehlender Investoren bereits dieses Jahr von der Schließung bedroht war, wurden verschiedene Partyreihen in andere Locations ausgelagert oder zeitweilig eingestellt. Glücklicherweise konnte diese vorerst abgewendet werden, so dass es im Voxxx seit dem Sommer wieder mindestens eine Drum´n´Bass Partyreihe gibt. Die von Dead Metropolis ins Leben gerufenen "Friday Breakz" finden an einem Freitag im Monat statt und featured neben regionalen Artists vor allem die Chemnitzer DJs sowie Newcomer. Hinzu kommen in unregelmäßigen Abständen Drum'n'Bass Parties von diversen Veranstaltern, wie Ruff-E-Nuff oder dem Voxxx selbst.

Auch das auf der Chemnitztalstr. gelegene AJZ weist eine ähnliche Geschichte auf wie das Voxxx. Zunächst wurde das Haus Anfang der 90er Jahre besetzt, später wurde es ein Kulturzentrum. Während der Schwerpunkt im Voxxx mehr auf elektronische Musik ausgerichtet ist, erlangte das AJZ seine überregionale Bekanntheit hauptsächlich durch Konzerte im Bereich Hardcore, Metal, Punk, Ska, Rock'n'Roll und HipHop. Dennoch konnte sich die hauseigene Partyreihe "Talschocken" aufgrund ihres beachtlichen Erfolges durchsetzen. In unregelmäßigen Abständen wiederkehrend, ca. vier Mal im Jahr, finden sich auf jeweils drei Floors nicht selten 800 feierwütige Gäste oder mehr ein, wobei sich die meisten von ihnen auf dem Drum'n'Bass Floor tummeln. Nicht zuletzt auch wegen des Lineups: Neben nationalen Größen wie Kabuki, Metro, X-Plorer, J-Cut und Kolt Siewerts waren auch schon High Contrast, Cyantific und London Electricity ("Billion Dollar Gravy" Tour mit Stamina MC) am Start.
Darüber hinaus ist das AJZ die Geburtsstädte verschiedener Crews, beispielsweise von Dead Metropolis, die deshalb jedes Jahr zum Birthday Bash einladen. Ansonsten sind Drum'n'Bass Parties im AJZ eher selten.

Nummer drei im Bunde ist der Aether Club. Vor etwas mehr als zwei Jahren machten es sich die Mitglieder des Vereins mycos23 e.V in die Hallen 8a und 8b der Schönherrfabrik gemütlich und konnten die Location binnen kurzer Zeit in die Chemnitzer Partylandschaft integrieren. Fanden Drum'n'Bass Parties anfangs unregelmäßig statt, kann man mittlerweile ein bis zwei Mal im Monat zu Broken Beats abgehen.. Egal ob "Human Traffic", "Straffbass", "Suburban Jungle" oder "Forbidden Science", die Eventreihen unterscheiden sich nicht grundlegend voneinander – ein Floor ist immer der bass- und subbasslastigen Musik gewidmet, während der Zweite entweder von Dancehall/Reggae oder Goa und Psytrance beschallt wird. Das Lineup besteht zumeist aus nationalen DJs und Liveprojekten, deren musikalische Abendgestaltung von local heroes verschiedener Chemnitzer Crews abgerundet wird. Zu besonderen Anlässen werden auch internationale und nationale Headliner gebucht, unter anderem Shimon, Trace, MC Eksman, Krinjah, Humpty C, MC Dragoon usw.
Nebenbei ist der Aether Club zum Austragungsort der im Voxxx entstandenen Eventreihe "Trinity" geworden. Von Phlatline inszeniert und Dead Metropolis in Sachen Drum`n´Bass Lineup bestückt, platzt der Club auf drei Floors (HipHop, Dancehall und Drum'n'Bass) drei- bis viermal im Jahr komplett aus allen Nähten.

Vom Cube Club gibts noch nicht allzu viel zu berichten, da der Partywürfel erst seit Anfang Oktober die Chemnitzer Clublandschaft bereichert. Geht man jedoch von der Opening Party mit Bassface Sascha und MC Phowa sowie der zurück ins Leben gerufenen monatlichen "Steppin' Forward" Reihe aus, so ist noch viel zu erwarten. Zukünftig werden hier wohl noch einige basslastige Abende stattfinden. Dennoch ist die von Dead Metropolis mitbetriebene Location nicht als reiner Drum´n`Bass Club zu verstehen. Angefangen von 2 Step, House, über Techno und Electro bis hin zu 80's und Rock´n´Roll soll ein gemischtes Publikum angesprochen werden.

Über das Splash braucht man eigentlich nicht mehr viele Worte zu verlieren, schließlich handelt es sich um Europas HipHop- und Dancehall Festival Nr. One, welches 2005 zum siebenten Mal am Stausee Oberrabenstein, am Stadtrand von Chemnitz, stattfinden wird. Gehört seit 2000 auch das Drum'n'Bass Zelt zum festen Bestandteil des Festivals, stand dieses bereits 2002 schon wieder vor dem Aus. Der Grund war das verregnete Splash vom Jahr zuvor, welches für ein tiefes Loch in den Kassen der Veranstalter gesorgt hatte. Nur dem massiven Engagement von Dead Metropolis und vielen Chemnitzer Heads ist es zu verdanken, dass DnB jedes Jahr auch weiterhin auf dem Splash vertreten geblieben ist
Headliner wie die 2001 gebuchten EZ-Rollerz feat. MC Jakes waren nun nicht mehr drin, vielmehr beschränkte man sich auf nationale Artists und local heroes. Seit 2002 waren unter anderem Cativo, Giana-Brotherz, NME Click, Kabuki und E.Decay auf dem Splash am Start, komplettiert durch verschiedene Crews aus Chemnitz.
Aus der Not wurde eine Tugend, wie das Splash auch 2004 erfolgreich wieder unter Beweis stellen konnte.

Chemnitz Drum'n'Bass Infos

Auf www.chemnitz-dnb.de finden sich aktuelle Infos über das Chemnitzer Partygeschehen, sowie zu einzelnen Artists.

Text: Lettuce (Dezember 2004)

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20.11.2017, 14:29 h | 6 Junglists online