Obwohl
Chemnitz ungefähr nur halb so groß ist wie Dresden
oder Leipzig, steht das ehemalige
Manchester Sachsens partymäßig in nichts nach. Fast jedes Wochenende
geht in Sachen Drum'n'Bass irgendwo die Post ab. Was vor zehn Jahren als "Jungle
Voyage" eher am Rande eine Erwähnung fand, hat sich bis heute zu einer
vielfältigen Drum'n'Bass Szene in Chemnitz entwickelt.
Die Crews in Chemnitz
Die älteste derzeit bestehende Crew in Chemnitz ist Dead Metropolis,
die sich 1998 formierte und erste Parties im AJZ und im Club Achter Mai veranstaltete.
Von den damaligen Mitgliedern ist nur noch Mitbegründer Angel Dust dabei,
die anderen - Microfeel, Shusta (Phlatline), Headnoaks (Blackred), Marc Flowell
(UEP) - widmen sich mittlerweile Projekten abseits von Drum'n'Bass. Momentan gehören
der '99 hinzugekommene Racoon, sowie Sure und Drumatic (ehemals Sandroid) zum
festen Kern, letztere bilden zudem das Liveprojekt Creative Urge. Darüber
hinaus gibt es eine mehr oder weniger feste Zusammenarbeit zum Beispiel mit Phlatline,
Dandruff (Outburst Audio, Dresden), Real (Bionic Session, Jena) und besonders
mit den Vidiots aka VJ Aero und VJ moorooduc sowie MC Phowa (Ulan Bator, Leipzig),
die man deshalb häufiger auf den hauseigenen Partyreihen "Steppin' Forward",
"Friday Breakz" oder "Trinity" (zusammen mit Phlatline) findet.
Auch abseits des nächtlichen Clubtreibens lässt Dead Metropolis immer
wieder von sich hören, auf zahlreichen Mixtapes und CDs. Nebenbei steht das
fünfte Release des gleichnamigen Labels an, das derzeit als Promo schon verschiedene
Vinylcases beglückt hat. Hinzu kommen Releases auf anderen Labels, beispielsweise
auf Nasdia Rec, Headquarter, Metro Breaks und gerade aktuell auf Phunkfiction.
Nicht zuletzt deshalb waren sie schon in ganz Deutschland unterwegs – Stuttgart,
Ulm, Mannheim, Hamburg, Hannover, Berlin und Dresden sind nur einige Orte, an
denen sie die Crowd mit ihren abwechslungsreichen Sets fernab technoider Monotonie
zum Kochen gebracht haben.
Zweitgrößte Crew in Chemnitz ist die Fraktion42. Seit 1997 aktiv
am Chemnitzer Partygeschehen beteiligt, war für Nano 42 die Gründung
der Fraktion - 42 steht für D und B - zwei Jahre später nur noch reine
Formsache. Bis heute ist die Crew kontinuierlich gewachsen und deren fester Kern
besteht mittlerweile aus VJ Heli42, den DJs Repulse 42, Liko 42, B.C.C und natürlich
Nano 42, wobei die letzten beiden genannten zusammen mit Ro Rötlich auch
für das Produzieren zuständig sind. Dementsprechend vielfältig
sind ihre Sets: Von Liquid Funk über Jump Up bis Jungle bedient die Crew
das komplette Spektrum von Drum´n´Bass in und rund um Chemnitz. Aber
auch deutschlandweit konnte sich die Crew einen Namen machen, unter anderem durch
Gigs in Ulm, Stuttgart, Frankfurt/Main und einigen mehr, zusammen mit DJs wie
High Contrast oder Trace oder durch ihre Zusammenarbeit mit MC Syndicate von den
Insanerz aus Ulm. Der typische Sound der Fraktion ist zudem auf drei Tapes für
den Genuss in der heimischen Anlage erhältlich.
Besonders bemerkenswert ist das politische Engagement der Fraktion. Obwohl die
Ansichten der einzelnen Mitglieder auseinander gehen, stimmen sie eindeutig darüber
überein, dass kein Mensch illegal ist. Aus diesem Grund unterstützen
sie musikalisch wichtige politische Ereignisse, vor allem Chemnitz betreffend.
Einen Sonderstatus nimmt die 2002 gegründete Formation Ruff-E-Nuff
ein. Aus Swen Sieg – auch durch Sensi Movement bekannt - Motorphader und
D.I.S bestehend, präsentiert sie einen Styleclash aus Dancehall, Hiphop,
Raggajungle und Drum'n'Bass, vor allem auf eigenen Events im Voxxx, zu denen beispielsweise.
"Double Trouble", "Voodoo Breakz" und "Get Blunted"
gehören. Für die breaklastige Mischung aus Drum'n'´Bass, Jungle
und Breakcore sorgt hauptsächlich Koolpop Resident D.I.S, der 1997 durch
seine Zusammenarbeit mit den Society Suckers zu Raggajungle gefunden hat. Weiterhin
gehören zum Ruff-E-Nuff Mobb Red Scorpio (Visuals, Grafix), moorooduc (VJ),
sowie Geroyche (Digital Hardcore, Gabba, Abstract) und Wintermute (aka Motorphader).
Ruff-E-Nuff, insbesondere D.I.S, konnte sich nicht nur regional einen Namen machen,
sondern auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Ob in seiner Homebase
Chemnitz oder in Brüssel, Basel, Linz, Graz oder in vielen deutschen Städten,
so legte er mit bekannten Artists wie Krinjah, Ripley, Sheen, Society Suckers,
Ly.de Buddah oder Something Jay auf. Selbstverständlich verfügt Ruff-E-Nuff
ebenfalls über ein eigenes Tape Label, welches die musikalische Vielfalt
der Crew einer breiten Hörerschaft wahlweise auf CD oder der guten alten
Kassette zugänglich macht.
Musikalische Eigenkreationen sind momentan nicht am Start, Projekte wie das weltweite
"Label One" sind jedoch bereits in Planung.
Genau genommen sind DNA
nicht direkt aus Chemnitz, sondern aus einer Stadt im Umland, nämlich Frankenberg.
Dort trafen sich DJ P.O.S und DJ Force in den Räumen der Sumpfsquad, einer
Kollaboration verschiedener DJs und Bands und beschlossen 2001 musikalisch gemeinsame
Wege einzuschlagen. Durch ihre Zusammenarbeit mit den Chemnitzer Artists und diversen
Veranstaltern integrierten sich DJ Force, eher technoid und jumpup lastig unterwegs,
und DJ P.O.S, dessen Sound mehr von Liquid Funk und Dub beeinflusst ist, sehr
schnell in die Chemnitzer Szene. Darüber hinaus sind die beiden sowohl als
DJs als auch als Ko-Veranstalter (vor allem P.O.S als Mitglied der Sumpfsquad)
regional aktiv, unter anderem beim High Temperature Festival in Sachsenburg oder
Trés Unique in Frankenberg. Neben Gigs in Dresden, Freiberg und in diversen
Clubs in Chemnitz konnten die beiden ihre Skillz auch auf dem Splash 2003 und
2004 unter Beweis stellen, unter anderem mit Kabuki, Giana Brotherz, Cativo, E.Decay,
Cyantific, Ly.de Buddah und Lars Lavendel.
Jüngstes Mitglied in der Chemnitzer DnB Familie ist Murder
Jungle Movement, abgekürzt MJM. 2002 gegründet, besteht die
Crew aus den DJs Lettuce, der bereits schon vorher als Producer tätig war
und pulse09, welcher mittlerweile nach Emden umgezogen ist, sowie den beiden VJs
E.P.I.C und dOngju, dem Neumitglied aus Dresden. Musikalisch lässt sich MJM
nur schwer beschreiben – von Liquid Funk bis technoides Gebretter ist alles
dabei, dennoch sind Einflüsse aus Oldskool, Jungle, Happy Hardcore, Gabber
und HipHop unüberhörbar und lassen eine Vorliebe für Breaks erkennen.
Gewürzt mit dieser Mischung, haben sie schon viele Floors auch über
Chemnitz hinaus beschallt, sowohl in Dresden, Leipzig, Bremen, Emden und Papenburg,
als auch auf eigenen Events (zum Beispiel mit Noxwell Media Network), wo sie unter
anderem mit DJs wie High Contrast, London Electricity, Total Science, Realtime,
Lee, Metro und X-Plorer aufgelegt haben. Derzeit gibt es mit "Under Feier",
in Zusammenarbeit mit der Bassrotation Crew und Nasdia Rec, eine feste Partyreihe
in Emden, die ungefähr aller zwei Monate stattfindet und vor allem Locals
aus Norddeutschland featured. Zudem ist Lettuce Gastartist bei Intransigent Rec.,
dem Label von DJ G-I-S, auf welchem dessen RMX von "Lost Paradise" released
wurde.
Groovesmackrecords
ist weniger eine Crew, sondern ein Zusammenschluss diverser Artists, die mit Hilfe
dieser neuen Plattform ihre Musik präsentieren und später auch releasen
wollen. Neben den Betreibern Ronny Rough (dark DnB und Jungle) und G-Cut Dekka
(Funk, Break Beat und Chillout) gehören noch Spooky T. von Krawallzwang (DnB,
Electrobreaks) und der Head der Fraktion 42, Nano 42, zu diesem Projekt. Alle
Artists sind schon seit längerem, wenn zum Teil auch nur selten, in und außerhalb
von Chemnitz sowohl auf legalen als auch auf illegalen Parties aktiv und darüber
hinaus als Produzenten tätig.
Club und Locations
Das Voxxx: Im Frühjahr
1992 besetzten die beiden Vereine Ufer e.V. und Oscar e.V. das alte Gebäude
der Societätsbrauerei auf dem Kassberg und gründeten dort das Projekt
Vox, welches zunächst nur einen Sommer lang von Bestand sein sollte. Der
Zuspruch war enorm und so wurde das Voxxx zu dem was es heute ist, ein Kultur-
und Kommunikationszentrum, mit einem vielfältigen kulturellen Angebot, welches
sich in ca. 430 Veranstaltungen im Jahr niederschlägt.
Das musikalische Spektrum ist weit gefächert und reicht dabei von Tango,
Salsa, Jazz, HipHop, Dancehall über alle erdenklichen Spielarten elektronischer
Musik und schließt natürlich auch Drum´n´Bass ein. So verwundert
es nicht, dass Drum´n´Bass Parties im Voxxx schon eine lange Tradition
haben – etablierte Partyreihen wie "Steppin' Forward", "Trinity"
und "„Friday Breakz" wurden hier geboren und das alte Gemäuer
hat schon so manchen renommierten Headliner gesehen.
Zu Gast waren unter anderem die EZ-Rollerz, Kosheen, DJane Sage und The Insiders,
aber auch nationale Artists wie Makai oder Panacea. Da das Voxxx aufgrund seines
baulichen Zustandes und fehlender Investoren bereits dieses Jahr von der Schließung
bedroht war, wurden verschiedene Partyreihen in andere Locations ausgelagert oder
zeitweilig eingestellt. Glücklicherweise konnte diese vorerst abgewendet
werden, so dass es im Voxxx seit dem Sommer wieder mindestens eine Drum´n´Bass
Partyreihe gibt. Die von Dead Metropolis ins Leben gerufenen "Friday Breakz"
finden an einem Freitag im Monat statt und featured neben regionalen Artists vor
allem die Chemnitzer DJs sowie Newcomer. Hinzu kommen in unregelmäßigen
Abständen Drum'n'Bass Parties von diversen Veranstaltern, wie Ruff-E-Nuff
oder dem Voxxx selbst.
Auch das auf der Chemnitztalstr. gelegene AJZ
weist eine ähnliche Geschichte auf wie das Voxxx. Zunächst wurde das
Haus Anfang der 90er Jahre besetzt, später wurde es ein Kulturzentrum. Während
der Schwerpunkt im Voxxx mehr auf elektronische Musik ausgerichtet ist, erlangte
das AJZ seine überregionale Bekanntheit hauptsächlich durch Konzerte
im Bereich Hardcore, Metal, Punk, Ska, Rock'n'Roll und HipHop. Dennoch konnte
sich die hauseigene Partyreihe "Talschocken" aufgrund ihres beachtlichen
Erfolges durchsetzen. In unregelmäßigen Abständen wiederkehrend,
ca. vier Mal im Jahr, finden sich auf jeweils drei Floors nicht selten 800 feierwütige
Gäste oder mehr ein, wobei sich die meisten von ihnen auf dem Drum'n'Bass
Floor tummeln. Nicht zuletzt auch wegen des Lineups: Neben nationalen Größen
wie Kabuki, Metro, X-Plorer, J-Cut und Kolt Siewerts waren auch schon High Contrast,
Cyantific und London Electricity ("Billion Dollar Gravy" Tour mit Stamina
MC) am Start.
Darüber hinaus ist das AJZ die Geburtsstädte verschiedener Crews, beispielsweise
von Dead Metropolis, die deshalb jedes Jahr zum Birthday Bash einladen. Ansonsten
sind Drum'n'Bass Parties im AJZ eher selten.
Nummer drei im Bunde ist der Aether
Club. Vor etwas mehr als zwei Jahren machten es sich die Mitglieder des
Vereins mycos23 e.V in die Hallen 8a und 8b der Schönherrfabrik gemütlich
und konnten die Location binnen kurzer Zeit in die Chemnitzer Partylandschaft
integrieren. Fanden Drum'n'Bass Parties anfangs unregelmäßig statt,
kann man mittlerweile ein bis zwei Mal im Monat zu Broken Beats abgehen.. Egal
ob "Human Traffic", "Straffbass", "Suburban Jungle"
oder "Forbidden Science", die Eventreihen unterscheiden sich nicht grundlegend
voneinander – ein Floor ist immer der bass- und subbasslastigen Musik gewidmet,
während der Zweite entweder von Dancehall/Reggae oder Goa und Psytrance beschallt
wird. Das Lineup besteht zumeist aus nationalen DJs und Liveprojekten, deren musikalische
Abendgestaltung von local heroes verschiedener Chemnitzer Crews abgerundet wird.
Zu besonderen Anlässen werden auch internationale und nationale Headliner
gebucht, unter anderem Shimon, Trace, MC Eksman, Krinjah, Humpty C, MC Dragoon
usw.
Nebenbei ist der Aether Club zum Austragungsort der im Voxxx entstandenen Eventreihe
"Trinity" geworden. Von Phlatline inszeniert und Dead Metropolis in
Sachen Drum`n´Bass Lineup bestückt, platzt der Club auf drei Floors
(HipHop, Dancehall und Drum'n'Bass) drei- bis viermal im Jahr komplett aus allen
Nähten.
Vom Cube Club
gibts noch nicht allzu viel zu berichten, da der Partywürfel erst seit Anfang
Oktober die Chemnitzer Clublandschaft bereichert. Geht man jedoch von der Opening
Party mit Bassface Sascha und MC Phowa sowie der zurück ins Leben gerufenen
monatlichen "Steppin' Forward" Reihe aus, so ist noch viel zu erwarten.
Zukünftig werden hier wohl noch einige basslastige Abende stattfinden. Dennoch
ist die von Dead Metropolis mitbetriebene Location nicht als reiner Drum´n`Bass
Club zu verstehen. Angefangen von 2 Step, House, über Techno und Electro
bis hin zu 80's und Rock´n´Roll soll ein gemischtes Publikum angesprochen
werden.
Über das Splash
braucht man eigentlich nicht mehr viele Worte zu verlieren, schließlich
handelt es sich um Europas HipHop- und Dancehall Festival Nr. One, welches 2005
zum siebenten Mal am Stausee Oberrabenstein, am Stadtrand von Chemnitz, stattfinden
wird. Gehört seit 2000 auch das Drum'n'Bass Zelt zum festen Bestandteil des
Festivals, stand dieses bereits 2002 schon wieder vor dem Aus. Der Grund war das
verregnete Splash vom Jahr zuvor, welches für ein tiefes Loch in den Kassen
der Veranstalter gesorgt hatte. Nur dem massiven Engagement von Dead Metropolis
und vielen Chemnitzer Heads ist es zu verdanken, dass DnB jedes Jahr auch weiterhin
auf dem Splash vertreten geblieben ist
Headliner wie die 2001 gebuchten EZ-Rollerz feat. MC Jakes waren nun nicht mehr
drin, vielmehr beschränkte man sich auf nationale Artists und local heroes.
Seit 2002 waren unter anderem Cativo, Giana-Brotherz, NME Click, Kabuki und E.Decay
auf dem Splash am Start, komplettiert durch verschiedene Crews aus Chemnitz.
Aus der Not wurde eine Tugend, wie das Splash auch 2004 erfolgreich wieder unter
Beweis stellen konnte.
Chemnitz Drum'n'Bass Infos
Auf www.chemnitz-dnb.de
finden sich aktuelle Infos über das Chemnitzer Partygeschehen, sowie zu einzelnen
Artists.
Text: Lettuce (Dezember 2004) Ihr habt Kommentare / Fragen? Diskutiert den Cityreport
im Future
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