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Cityreport - Leipzig, Oktober 2004


Die Leipziger Drum&Bass- und Jungle-Szene kann mittlerweile auf eine fast 10jährige Geschichte zurückschauen.
Bis auf ein paar Ausnahmen spielte sich das Geschehen aber weniger im produzierenden Bereich als vielmehr auf zahlreichen Parties und Konzerten ab.



Where to go - Clubs und Crews

Derzeit gibt es in Leipzig drei regelmäßige Anlaufstellen in Sachen Drum&Bass: Das Conne Island, der Friday Club in der Distillery und die Crowd Control-Parties.
Das Conne Island existiert als antifaschistisches selbstverwaltetes Jugendzentrum seit nunmehr 13 Jahren. Das Programm beinhaltet Konzerte verschiedener Genres, angefangen vom Hardcore über (Oi-)Punk, Pop, Techno, Reggae, Dub, Hip Hop bis eben hin zu Drum&Bass und Jungle. Das Conne Island war der erste und lange Zeit der einzige Leipziger Club, der ernstzunehmende Drum&Bass-Parties organisierte. Durch die Größe der Location, eine Halle mit einem Fassungsvermögen bis zu 1000 Gästen, und der Programmstruktur sind die Parties One-Offs, die trotzdem in einem fast monatlichen Rhythmus stattfinden.
Meist wird ein bekannter Headliner gebucht und zwei oder drei lokale oder regionale DJs als Support. In früheren Zeiten waren das Gäste wie 4 Hero, General Levy & M- Beat, Shy FX, Dom&Roland, Ed Rush, Kemistry&Storm, Bailey oder Future Forces Inc., die in zunehmenden Maße immer mehr Leute in die Koburger Straße lockten. Vor allen Dingen bei den vier letztgenannten Acts war die Location jeweils bis zum Anschlag gefüllt, und es wurde mehr als eine Gänsehaut gezählt. In den Jahren nach dem großen Presse-Hype von Drum&Bass (1998-2001) ließ die Begeisterung keinesfalls nach, im Gegenteil, Acts wie Krust&MC Dynamite, Bailey, Kemistry&Storm, Doc Scott oder Marcus Intalex rockten die Location gnadenlos in Grund und Boden.

Weiterhin wurde mit der mittlerweile wieder eingestellten Breaks.org-Veranstaltungsreihe ein Konzept geschaffen, die lokale DJ-Gilde vermehrt in den Vordergrund zu positionieren und das Netzwerk in der Stadt zu stärken. Auch diese Parties waren ein voller Erfolg, keinen ungeringen Anteil daran hatten die zu jeder Party entsprechenden Tapes, die auf 04277 Tapes/Velocity Sounds Records erschienen. In den letzten Jahren etablierten sich zunehmends weitere Veranstaltungen in Leipzig, so dass das Conne Island nicht mehr auf solch beeindruckende Besucherzahlen wie in früheren Jahren blicken kann, aber mit Bookings wie High Contrast&Marcus Intalex, Mathematics, Simon Bassline Smith, Flight, Storm, London Electricity (Live!) oder DJ Lee immer noch Akzente setzt und auf eine feste Anhängerschaft bauen kann.

Einer der Clubs der neueren Zeit ist der Friday Club in der Distillery, der seit Januar 2001 existiert und mittlerweile eine feste Größe im Leipziger Nachtleben ist. Das Konzept existierte in ähnlicher Form bereits in den Jahren 1997- 1999, als der Rhythm Club unter Urgestein Eiko Mertens, die Stylewarz Crew (Booga, Wipe, Donis, Oppossum) und Ulan Bator jeden Freitag eine musikalische Alternative zum Techno- und House-dominierten Samstag in Deutschlands dienstältestem Techno-Club boten.
Das Programm des Friday Club stellt sich folgendermaßen dar: Der erste Freitag im Monat wird von der Repertoire-Crew organisiert. Diese ging aus den Initiatoren des gleichnamigen Breakzines hervor, dass mehr als vier Jahre das Leipziger Breaks-Geschehen in schriftlicher Form dokumentierte und in zahlreichen Leipziger Läden kostenlos erhältlich war. Repertoire haben vier Stamm-DJs in Sachen Drum&Bass: CFM, Con.Struct, Sketch und Francis. Dazu kommen noch Aktivisten in den Bereichen Deep House, Phusion, Breaks, etc. Einer der führenden Köpfe der Crew, der aber selbst nicht mehr auflegt, ist zweifellos Criticale. Die Veranstaltungen versuchen zumeist einen Bogen zwischen verschiedenen Stilen zu spannen, bzw. Sparten von Drum&Bass zu präsentieren, die im Party-Kontext oft untergehen. Bezeichnend dafür ist ihre Gästewahl mit Acts wie Paradox (Live; unter Beteiligung von Breakbeat-Massaker und LXC&Tantrum), Seba, Blame, Kabuki, Jazzanova, Volkov, Pentagon, Megashira, Dublex Inc., LXC (Live), Flowpro u.v.m.

Den dritten Freitag teilen sich im monatlichen Wechsel die Cuba Crew und Ulan Bator. Die Cuba Crew besteht aus den Routiniers Booga, Windy und MC Amon sowie dem neuen Mitglied Soulslide. Windy's und Soulslide's Style ist orientiert an liquid Tunes von Producern wie Calibre, Nu:Tone, M.I.S.T. oder High Contrast ohne einige Smasher vermissen zu lassen, während Booga durchaus für Metalheadz-Sound à la Digital&Spirit, Loxy&Ink oder Amit zu haben ist. Die Palme im Symbol macht es aber deutlich, dass sie die Sonne auf der Tanzfläche aufgehen lassen wollen, so dass Gäste wie Calibre, Nu:Tone, Alley Cat, Marky&MC Stamina, Suv & MC Risky oder MB Valent perfekt ins Konzept passten.

Ulan Bator
ist die älteste Leipziger Crew, die 1995 mit den Mitgliedern Derrick, Malcolm & MC Ramo, Framo und Snoopy erste Jungle-Sessions startete. Die beiden letztgenannten haben mittlerweile die Platten an den Nagel gehangen, während Malcolm fast ausschließlich Hip Hop aufgelegt. Derweil gesellten sich in den letzten Jahren mit MC Phowa und Style Confusion neue Members hinzu, die jetzt mit Derrick das Herzstück der Crew bilden. Die Ulan-Bator-Parties sind sehr Jungle- und Jump-Up-lastig und haben bisher zahlreiche deutsche Acts wie Tobestar, Bassline Generation, E-Decay, Demolition Rollers, X-Plorer, MTC Yaw, Mr. Twister, Lightwood&Telmo A, MC Santana, MC Double J, MC Dragoon, MC Killa Bee, u.v.m. gefeatured.

Rolling Sounds existieren seit September 2000 und wurden von Remasuri und Dreas gegründet. Im Laufe der Jahre kamen noch Full Contact und Zapotek hinzu, um das Quartett zu komplettieren. Nach einem kurzen Intermezzo beim Friday Club gibt es seit September 2001 die "Crowd Control"-Parties, die seitdem im fast monatlichen Turnus in verschiedenen Leipziger Clubs wie King King, Tangofabrik oder Bar International stattfinden. Ihr Style ist weitgefächert, aber am Dancefloor orientiert, wobei jeder DJ eine andere Vorliebe hat. Gäste waren bisher Metro & White MC, X-Plorer, Ruffstuff, DJ Lee, D.Kay, Chopper, Lighta, Kabuki, Frankie Machine, Apo 33, Real, Racoon, Lunatik&Sane, Fabman Flash, u.v.m.

In den letzten Jahren hat sich zunehmend eine Szene entwickelt, die abseits der etablierten Clubs ausgiebig und mit großer Anhängerschaft Parties feiert. In Locations wie der Gießerstraße 16, Zorro, Feinkost, Elastic, UT Connewitz oder Zollschuppen wird in meist alternativerem Ambiente Styles wie Breakcore, Drum&Bass oder Ragga Jungle gefröhnt. Crews und Kollektive, die sich dabei besonders hervortun, sind der Feinkost 13 e.V., Protocut mit ihren Strukturbruch-Parties und Da Switch.

Producer und weitere Artists

Produktionstechnisch ist Drum&Bass in Leipzig nicht sehr stark vertreten, obwohl einige Projekte nicht unerwähnt bleiben sollten, bzw. bereits für Aufsehen gesorgt haben. Die Protocut/Alphacut-Gilde um LXC, Jakin Boaz und Tantrum hat auf "Alphacut" bereits 3 Releases veröffentlicht, unter anderem mit Tunes von Cycom, LXC, MZE oder Bad Matter.

Im Leipziger Presswerk Rand-Muzik auf Vinyl gebannt, erreichten die 12"s jeweils eine große Anhängerschaft in der Szene. LXC releaste zudem "The most important" auf Santorin Ltd, bzw. erhielt seit jeher gutes Feedback von Santorin-Head DJ Lightwood. Zwei weitere Producer sind Barth und Con.struct. Während Barth es 2002 mit "Schizophrenic / Cyclotron" auf dem Hamburger Label Plain Production in die Charts von Bleed oder Phillip Maiburg schaffte und ein exzellentes Review in der DeBug erhielt, wird Con.structs "I feel the earth move" demnächst auf Paradox' Label "Outsider Rec." veröffentlicht.

Weitere DJs in der Stadt, die selbst keine eigene Veranstaltungsreihe am Laufen halten, sind Dali (Knagge), Lunatik&Sane, Fabman Flash (Break Fiction), Phono&Echolot (Breakbeat Massaker), Wax Worx & Norma Jean (O-Soto-Gari), Mary Jane (Phono-Tone), Jay (Megajay) und der Neu-Leipziger Inju (Basstion).

Den Nu Skool-Breaks hat sich besonders DJ Sencha aka Sascha Heyne verschrieben, der in unermüdlicher Arbeit sein eigenes Portal Nuskoolbreaks.Net betreibt und von Zeit zu Zeit mit der Repertoire-Crew Parties beim Friday Club mitorganisiert.

Leipzigs bekanntester VJ ist MFO, der mittlerweile bei fast jeder Drum&Bass-Reihe der Stadt seine Visionen an die Wände gebannt hat.

Leipzig Infos

Bis vor einem Jahr waren Breaks.org (Booga, Repertoire Crew, Echolot, MFO) und Transit2Base (Fuel, Linuz & Dreas) die zwei wichtigsten Informationsplattformen, was Drum&Bass und artverwandte Kultur in Leipzig anging. Mittlerweile wurden beide Projekte eingestellt bzw. auf Eis gelegt; "Its Yours!" hat sich aufgemacht, die Lücke zu füllen und der Leipziger Szene eine Seite zu bieten, auf der verschiedene Veranstalter, Aktivisten und andere Interessierte unabhängig und gleichberechtigt ihre Inhalte publizieren können.

Text: Dreas (Oktober 2004)
22.08.2017, 05:40 h | 3 Junglists online