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Cityreport - Berlin, Oktober 1996


Die erste aller spätkapitalistischen und postfordistischen Tugenden ist sicherlich visuelles Erfassen. Texte oder auch Titten. Aber alles hatte damit angefangen, daß sich Leute Platten aus England gekauft haben und die dann auch spielten. Das war schon vorher; später dann im Tresor und im Planet. So zwischendurch. Und wenn man von kleinen Vorlieben in Richtung Amerika absieht, klang es im Tresor im Sommer '91 fast genauso wie im Rage in London. Berlin ist ja auch anders als der Rest. Das war unter anderem DJ Kid Paul und ein bißchen Rok und auch Pete, und dann hat DJ Tanith '92 den großen Breakcore-Artikel in der Frontpage geschrieben und mit einigen anderen DJ's diesen Sound propagiert.
Leider hat das nicht ganz so gut geklappt mit den Ravern und der ihr zugemuteten Infomenge. Es wurde weniger und weniger und dann nur noch ein bißchen und dann nur noch vormittags morgens im Walfisch. Aber wenn die eine Ecke aufhört, fängt eine andere an.

Alec Empire begann Ende '92 mit Bassterror, Europas schnellster und härtester Breakbeat Party. Aber nur soviel: Mit der Bassterror EP auf Force Inc. hat Alec 1993 mindestens ansatzweise vorweggenommen, womit sich bis heute ein Großteil der englischen Produzenten aufhält. Bassterror gab es dann öfter mal mit 5 und manchmal auch mit bis zu 1000 Leuten an vielen Orten wie in der Turbine, unter der Brücke und in besetzten Häusern und woanders.

Und damals sind wirklich lustige Dinge passiert. Besonders lustig z. B. wie einer der Originators, DJ Feed, da auf dem Gabba Floor im Bunker aufgelegt hat, rougher und schneller und besser war, und da haben dann 50 Gabbas böse auf das Pult geguckt und es wäre beinahe zu einer Schlägerei gekommen, bei der es vielleicht Tote gegeben hätte. Das war wirklich original ruff. Aber zum Glück ist nichts passiert. Da hatten, glaube ich, einige so ihre nette Zeit, unbemerkt vom gesamten Rest. Das war schön und daraus ist ja auch Digital Hardcore Recordings oder auch kurz DHR (eigentlich das erste Jungle-Label der Stadt, auch wenn es dann in eine ganz andere Richtung gelaufen ist) hervorgegangen. Außerdem gab es zu dieser Zeit auch eine Reihe von verdammt guten Parties der Crew überhaupt: Haluzinas. Wer schon damals unterwegs war, weiß es sowieso.

Dann gab es im gerne beschielten England 1994 Parties, auf denen ab und zu Tracks mit Ragga-Vocals liefen. Zu dieser Zeit folgten auch schon die ersten Zeitungsartikel, die diese Musik genauer unter die Lupe nahmen. Und weil bei uns die Drogenlegalisierung nur richtig diskutiert werden wird, wenn Hillary Clinton es vorher in Amerika diskutiert hat, oder aber Musikartikel immer geschrieben werden, nachdem es sie in England gibt, gab es hier unter anderem zuerst eine raffiniert lancierte DPA-Meldung, aus der dann unweigerlich Mengen von Zeitungsartikeln wurde, und danach als Entschädigung auch noch ein paar Parties. Eigentlich wurde das ganze auch recht positiv aufgenommen und das allerwichtigste: Es sind damals eine Menge Leute aus den unterschiedlichsten Ecken dazugekommen. Wir waren also auf einmal ganz viele. Und dann haben alle ganz viel gelernt. Und wie es so ist, einige mehr und andere weniger. Es gab viele Aktivitäten verschiedener Leute, aber am relevantesten war wohl der Donnerstag im Acud, wo es dann irgendwann '95 zum totalen Durchbruch kam.

Und der Freitag im Toaster. Das alles ist gewachsen und gewachsen. An Clubs gibt es heute montags die Elektro Lounge von DJ Bym (Four Ears) im Roten Salon, dienstags die Jungle Lodge mit DJ Metro in der Schnabelbar, donnerstags, bewährt und gut, das Acud mit einer größeren Anzahl von Berliner DJ's in Rotation, freitags klassisch den Toaster mit den Residents T-Frost, Bym, Bleed, Metro, Bass Dee und Feed, samstags noch einmal das Acud mit Upside Down und DJ The Chemist und Gästen.

Außerdem, schwerpunktartig rougher Bassline-Jump-Up-Underground-Style im WTF mit einer Vielzahl an Gästen und den Residents Sebel und Appollo. Dann gab es bis vor kurzem Desire in der E-Werk Evidence Hall und bis letzte Woche Spank im Friseur, wo jetzt wieder öffentlicher Raum privatisiert wird und irgendwelche Büroetagen hingebaut werden. Sonst laufen noch zahlreiche andere Veranstaltungen. Übergreifen United Colours of Soundsystems veranstaltet von Concrete Jungle, Subsonic Resistance von der Toaster Crew und die fetten Domino Jungle Raves. Und dann gab es dieses Jahr den ersten Karneval der Kulturen durch Kreuzberg mit einem Toaster-Truck und Concrete Jungle und Elephant Sounds-Bühne auf dem Mariannenplatz und handballfeldgroßer, tanzender Tanzfläche. Dann gab es und gibt es natürlich noch Mengen anderer guter Parties und wird es natürlich auch weiterhin geben.

Ansonsten läuft Drum & Bass auch im Radio, mittwochs von 20.00-22.00 Uhr bei Blackboard Jungle auf Fritz FM und montags zweistündig bei Radio Massive mit Bass Dee auf 98,8 Kiss FM.
Plattenläden gut sortiert und aktuell: New Noise, Downbeat, Hard Wax (betreiben sonst auch ein gutes Dubplate Schneidegerät), Soultrade, Raw und Melting Point. Auf Papier: das Junglezine Easy. Und als Plattenlabel: Downbeat, Come Correct, Chameleon, Mamasan, Polaroid, vergessen wir riesige Mengen an wirklich coolen Leuten.

Und die DJ's: Alec Empire, Carl Crack, Pirate, Mike Cruise, Boom, Rescue, Most Wanted, Phaser, Lyrics, CGB 1, Lowdown, Tricky Dicky, Sebel, Apollo (zusammen mit Safari FX und Sebel Elephant Sounds), The Chemist, Bym, Andre Langenfeld, T. Frost, Pantha and T. Frost (a.k.a. Berlin No. 1 Selectors from Concrete Jungle), Edu, Monie, Davey, Bleed, Metro, Bass Dee & Feed. Und möglicherweise die besten MCs des Landes: Jamie White und L. Cap. 1.

Text: Bass Dee (Oktober 1996)
Der Text erschien in "Pressure" im Oktober 1996 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
18.11.2017, 14:44 h | 4 Junglists online